Logo guckloch
Filmszene aus Herr Felde und der Wert der Dinge

Herr Felde und der Wert der Dinge

Deutschland 2011

Regie, Konzept und Schnitt: Klaus Peter Karger
Mitwirkende: Wilhelm Felde, Carina Limberger, Uschi Turgut, Ali Gümüscay, Wilhelm Pendzialek u.a.
Bild: Klaus Peter Karger
Musik: Tilman Sillescu, Reinhold Pöhnl
Originalton und Assistenz: Jürgen Haller
Produzent: Karger Film Kultur und Video
Verleih: Karger Film Kultur und Video
Dauer und Format: 55 Min., High Definition Video, 1:1,77, Dolby Digital
gefördert durch die Medienund Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg

Er hätte gern Elektrotechnik studiert und zweifellos das Zeug dazu gehabt. Aber seine Lebensdaten passten nicht in die politischen Verhältnisse, in die er 1964 hineingeboren wurde. Wilhelm Felde stammt aus Kirgisien, hat deutsche Vorfahren und arbeitet seit seiner Auswanderung nach Deutschland als selbständiger Schuhmacher in Villlingen-Schwenningen.

Der Dokumentarfilm Herr Felde und der Wert der Dinge handelt vom Arbeitsalltag eines Aussiedlers, der sich mit seinem Schicksal arrangiert und einen passenden Platz im Leben gefunden hat. Das klingt weder spektakulär noch spannend, ist es aber. Denn Herr Felde ist nicht nur ein begnadeter Handwerker, sondern erscheint auch als wundersamer Lehrmeister für Demut, Dankbarkeit und Zufriedenheit. Er hat Achtung vor den Dingen und vor den Menschen, denen sie gehören – das ist sein Geheimnis.

Der Film konzentriert sich ganz auf die kleine Werkstatt des Herrn Felde. Die Augen wandern über eine endlos scheinende Reihe an Schuhen, im Hintergrund hängen unzählige Schlüssel, denn zum Reparatur- gehört auch ein Schlüsseldienst. Die Bilder entfalten in ihrer Schlichtheit eine eigentümliche Poesie. Abgewetzte Männerschuhe, zierliche Damenstiefeletten, niedliche Kinderschuhe, derbe Sandalen, modische Pumps stehen friedlich nebeneinander und harren der Reparatur. Sage mir, welche Schuhe du trägst, und ich sage dir, welcher Mensch du bist: Endlich gleitet die Kamera zu dem Mann, der es weiß und die Schuhe auch ohne Nummern den Trägern zuordnen kann, wie er später mit seinem ansteckend herzlichen Lächeln versichert.

Klaus-Peter Karger verzichtet weitgehend auf erklärenden Off-Kommentar, sondern konzentriert sich auf die Rolle des Beobachters mit Blick für’s Detail und einem Gefühl für verblüffende Perspektiven und Ausschnitte. Die säuberliche Symmetrie der Garnrollen auf der nostalgischen Nähmaschine ist so faszinierend wie das fleißige Surren der Nadel oder die vermeintliche Anarchie der Schuhe im Regal.

Mancher Blick macht schmunzeln, etwa auf die bestrumpften Beine eines Kunden, der auf die Genesung seiner Schuhe wartet.
Ein älterer Türke hat diverse anspruchsvolle Anliegen. Schuhe müssen geweitet und mit neuem Futter versehen werden, die Mütze ist schadhaft und braucht eine neue Naht. Während Herr Felde arbeitet, plaudert und scherzt er mit der Kundschaft. Er erkundigt sich nach dem Befinden, richtet Grüße an die Ehefrau aus, tröstet und berät. Sprachlich passt er sich dem Gegenüber an und springt mühelos vom artikellosen Ausländer-Deutsch in korrektes Hochdeutsch oder in Mundart. „Quanta costa?“ erkundigt sich ein Kunde nach dem Preis für neue Löcher im Gürtel. „Nix“, antwortet Herr Felde vergnügt. „Der Herr mög’s vergelten...“ „Danke sehr, das ist mehr wert als alles Geld.“

Der emsige Titelheld arbeitet stets parallel an mehreren Aufträgen. Während die geklebten Sohlen trocknen, holt er mit der Glühzange Schrauben-Nägel aus einem Absatz, fräst einen Schlüssel, färbt ein Stück Leder, fädelt fl ugs Garn ein. Mit wenigen Stichen ist die Handtasche einer Dame wieder heil, „macht eins fünfzig“, dankbar zählt sie das Geld in die schwielige Hand des Handwerkers. Es macht Spaß, ihm bei der Arbeit zuzuschauen, er erledigt alles schnell und geschmeidig, fischt zielsicher aus dem malerischen Durcheinander von Schuhen, Material und Werkzeug das Gesuchte heraus, verliert nie den Überblick.

Wenn gerade keine Kundschaft im Laden ist, erzählt Herr Felde von seinem Leben. Man sieht Landschaften in Kirgistan, folkloristische Klänge unterstreichen den Anfl ug von Wehmut. Ohne jede Wehleidigkeit skizziert der Aussiedler seine Geschichte: Zwei Mal wurde die Familie deportiert, unter Stalin nach Sibirien, und 1963 wurde sie dann nach Bischkek umgesiedelt. Um in der Zwangsheimat Karriere machen zu können, hätte er Atheist und Partei-Mitglied sein müssen und keinesfalls deutsch sein dürfen, also lernte er Schuhmacher wie die beiden Großväter und stellte mit den Brüdern individuelle Schuhe her. In Kirgisien kostete ein Paar einen halben Monatslohn, erfahren die Zuschauer und ahnen, dass sich Wilhelm Feldes wertschätzende Haltung in einer Zeit des Mangels manifestierte.

Nach der Ausreise vor gut 20 Jahren wurde er in Deutschland mit dem Gegenteil konfrontiert. Er lernte Überfluss und Geringschätzung kennen – und die Bedürftigkeit von Menschen, denen Dinge auch jenseits ihres materiellen Wertes lieb und teuer sind. Der Film beschreibt eine Insel inmitten unserer Wegwerfgesellschaft und verbeugt sich vor einem Mann, der seine Größe im Kleinen entfaltet. Und der sein Glück auf dem aufbaut, was ist und nicht auf dem, was sein könnte.
„Traurig sein, bringt nichts“, sagt Herr Felde. „Ich habe alles, was ich brauche. Ich muss keine Sterne vom Himmel holen.“

Zusammengestellt: Christina Nack
Links: www.herr-felde-film.de, www.kargerkultur.de</p>