Whore's Glory
Österreich, Deutschland 2011
Regie und Drehbuch: Michael Glawogger
Kamera und LIcht: Wolfgang Thaler
Schnitt und künstlerische Mitarbeit: Monika Willi
Mischung und Sound Design: Tobias Fleig, Matz Müller, Erik Mischijew
Musik-Supervising und Clearing: Charlotte Goltermann, Tina Funk
Ton: Paul Oberle, Ekkehart Baumung
Produzenten: Mirjam Quinte, Pepe Danquart
Dauer: 114 Min.,
Sprache: OmU Thai, Bengali, Spanisch
FSK ab 16
Wie bei jedem guten Film nimmt zunächst der Titel gefangen: Whores' Glory.
Als klangliche Referenz an den Roman Huren für Gloria von William T. Vollman will der österreichische Regisseur Michael Glawogger den Titel verstanden wissen und inhaltlich als Verweis an den Berufstand der Prostituieren und seiner Vertreterinnen.
Seine mit Megacities und Workingman's Death begonnene Trilogie zum Thema globalisierte Arbeitswelt schließt er ab, erzählt in seinem filmischen Triptychon über Liebesdienerinnen in Thailand, Bangladesch und Mexiko – drei Schauplätze, drei Sprachen, drei Religionen.
Seit 2006 hat Glawogger in den drei Ländern recherchiert. Die Szenen, die er für seinen Film gesammelt hat, sind interessant, emotional und bedrückend zugleich.
Ungeschminkt sprechen die Frauen über ihr Leben und ihre Arbeit. Auch die Freier berichten, warum sie ins Bordell gehen und reden offen über ihre sexuellen Vorlieben.
Glawogger gibt Frauen und Freiern Gesicht und Stimme. Es gelingt ihm, Nähe herzustellen und seine Hauptdarsteller zum Reden zu bringen, ohne ihnen ihre Würde zu nehmen.
Es geht los mit der thailändischen Episode Fish Tank. In einem Edelpuff in Bangkok stellen sich sehr junge, sehr schöne und sehr schlanke Frauen wie Ware hinter einer Scheibe zur Schau.
Der männliche Kunde darf sich eine oder auch mehrere Nummern auswählen und sich dabei vom Personal beraten lassen. Der Preis ist wie überall in Asien eine Sache der geschickten Verhandlung.
Hier geht es extrem professionell zu, von Ausbeutung soweit keine Spur. Doch was sind das für Frauen mit ihren hautengen Kleidern, tiefen Ausschnitten, und hohen Absätzen?
In erster Linie streben sie nach Wohlstand und Geld. Für viele ist der Job längst zur Normalität geworden.
Mit einer Stempelkarte lochen sie sich ein, mit Räucherstäbchen beten sie für reichlich Kundschaft und beim Schlürfen der Nudelsuppe meckern sie über zu viel Konkurrenz.
Weitaus weniger professionell und unedel, aber nicht minder geschäftstüchtig, geht es in der Bangladesh-Episode Stadt der Freude in Faridpur zu. Die Armut springt einem sofort ins Auge. In einem kaninchenbauartigen, verwinkelten Komplex leben und arbeiten rund 600 Prostituierte. In engen, dunklen Gassen warten die Frauen in ihren bunten, langen Saris auf ihre Freier. Wer schüchtern ist, hat hier kaum eine Chance. So wie Ruma, die sechs Jahre auf der Straße gelebt hat und von einer Puffmutter für 5000 Taka (ca. 50 Euro) gekauft wurde. Wir erleben, wie sie in das Sex-Geschäft eingewiesen wird. Schwanzlutschen sei ausgeschlossen, denn der Mund ist heilig und spricht die Suren des Korans. Es ist bitter, zu sehen, wie diese Frauen leben. Dass sie meistens nur dieses eine Leben haben und kaum woanders hingehen können. Das grenzt schon arg an Verzweiflung.
Und schließlich geht es nach Reynosa, Mexiko in Die Zone. Es ist kalt, die Frauen stehen bibbernd vor ihren Häusern und warten auf Kundschaft.
Die Männer fahren von einer zur nächsten und suchen sich aus dem warmen Auto das Objekt ihrer Begierde heraus.
So abgebrüht, schamlos und obszön wie hier in Mexiko sind die Frauen in keiner anderen Episode des Films zu erleben. Ihre Körper sprechen nur eine Sprache und die heißt Sex.
Eine betagte Prostituierte entblößt ihre großen Brüste, während sie minutenlang aus dem Nähkästchen über alte Zeiten plaudert. Scham empfindet sie längst nicht mehr.
Ihre Brüste, mit denen sie einst tausende von Pesos verdient hat, haben ausgesorgt.
Man muss schon Temperament für diesen Job haben, der nach außen eine nüchterne Dienstleistung darstellt und innerlich zwei Menschen aus Fleisch und Blut vereinigt.
Glawogger und sein vorzüglicher Kameramann Wolfgang Thaler nehmen sich Zeit. Jeder ihrer vorgestellten Frauen geben sie Platz, hören ihren Geschichten zu.
Um Sehnsüchte geht's, Hoffnungen, Begierden, um Freier und deren Wünsche und was die für ihr Geld bekommen. Nie wird die Dokumentation dabei spekulativ.
Nur in Mexiko wird einmal gezeigt, wie das Geschäft abläuft. Was ist im Preis inbegriffen, Stellungswechsel kosten extra, wird die Zeit ohne Befriedigung abgeschlossen, muss nachgezahlt werden.
Der Regisseur und Autor öffnet den Frauen einen Raum, der aber von ihm vorgegeben wird. So erzählt Glawogger letztendlich aus seiner Perspektive. Aber er kommentiert nicht, bleibt so neutral wie möglich. Er ist Kunde mit der Kamera, dem aber immer wieder ein Näheverhältnis gelingt. So bekommt der Zuschauer mehr als die üblichen Einsichten und Antworten. Nur Lösungen nicht. Die sind im Kino laut Michael Glawogger Lügen, schlechte Kunst, weil sie sich der Vielschichtigkeit der menschlichen Seele verwehren.
Michael Glawogger
arbeitet als Regisseur, Autor und Kameramann, und sein Werk zeichnet sich in jeder dieser Sparten durch ein breites Spektrum aus.
Die letzten Arbeiten reichen von der Literaturverfilmung Das Vaterspiel (2009) über die skurrilen Komödien Nacktschnecken (2004) und Contact High (2009) bis hin zu den essayistischen Dokumentarfilmen Workingman’s Death (2004) und Megacities (1998).
Er pendelt nicht nur zwischen filmischen Formen und Genres, sondern auch zwischen Filmemachen, Fotografieren und Schreiben und zwischen leichten und heftigen Tönen. Mit Whores’ Glory vervollständigt er seine Trilogie zum Thema Arbeitswelten.
Sowohl Megacities als auch Workingman’s Death wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Darunter der Golden Gate Award in San Francisco, der Deutsche Filmpreis, sowie Preisen in Gijon, London, Kopenhagen, Leipzig, Durham,
St. Petersburg und eine Nominierung der Directors Guild of America und zum Europäischen Filmpreis.
Zusammengestellt: Claudia Hoffmann
Quellen: www.bild.de,
www.kino.de,
www.orange-press.com,
www.kino-zeit.de, www.glawogger.com
