Im Mittelpunkt des Films steht ein schmales Heft. Ursprünglich ein gewöhnliches Schulheft mit flotten Rennautos auf dem Deckblatt. Anstelle von Vokabeln füllten sich seine karierten Seiten mit den mutigen Zeugenaussagen von 300 zentralafrikanischen Frauen und Mädchen. Sie vertrauten dem Heft an, was ihnen im Oktober 2002 im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen von kongolesischen Söldnern angetan worden war. Das Heft ist ihr selbst gefertigtes Beweisstück, um die an ihnen verübten Vergewaltigungen zur Anklage zu bringen.
Im Zuge einer aufwändigen Geheimmission gelangte das Heft nach Den Haag in der Hoffnung, dem Internationalen Strafgerichtshof ein entscheidendes Beweismittel im Prozess gegen Jean-Pierre Bemba in die Hand zu geben. Der Befehlshaber der Söldnertruppen ist der erste Angeklagte, der sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Anordnung von Vergewaltigung als Kriegsstrategie verantworten musste. Im März 2016 ist Jean-Pierre Bemba schuldig gesprochen worden, 14 Jahre nach den verübten Taten.

„Cahier Africain“ erzählt die Geschichte dieses Hefts anhand der Menschen, die sich ihm offenbarten. Konzipiert als Langzeitdokumentation basiert der Film auf einem Fundus von Drehmaterial, Fotos, Briefen und Rechercheberichten, der den Lebensweg seiner Protagonistinnen seit 2008 festhält: Z. B. Amzine, eine junge muslimische Frau, hat als Folge der Vergewaltigungen ein Kind zur Welt gebracht. Der Blick auf ihre heute 12-jährige Tochter Fane erinnert sie täglich an das dem Heft anvertraute Leid.
Oder Arlette, ein christliches Mädchen, litt jahrelang an einer nicht heilen wollenden Schussverletzung am Knie. Nach einer erfolgreichen OP in Berlin hegt sie Hoffnung auf ein schmerzfreies Leben.
Aber inmitten der Versuche, den schwierigen Alltag mit Zuversicht zu meistern und während in Den Haag noch die juristische Aufarbeitung der letzten Kriegsverbrechen in Gange ist bricht in der Zentralafrikanischen Republik der nächste Krieg aus. Amzine, Fane und Arlette werden erneut in einen Strudel von Gewalt, Tod oder Vertreibung gerissen. An ihrer Seite erlebt der Film den Zusammenbruch von Ordnung und Zivilisation in einem von Bürgerkrieg und Putsch zerrissenen Land.

Heidi Specogna schreibt über ihren Film: „Cahier Africain ist ein persönlicher Film. Aus einer zufälligen Begegnung mit dem Heft, während einer Recherchereise, sind sieben Drehjahre geworden. Wir haben die Menschen aufgesucht und begleitet, die dem Heft ihr Leid und ihre Scham anvertrauten. Heute wird das Heft im Tresor des Weltgerichts in Den Haag verwahrt, neben Tausenden von Beweisen anderer Kriegsverbrechen. Das Schicksal der Frauen und ihrer mit Gewalt gezeugten Kinder ist eine von der Welt ausgeblendete Tragödie. Schätzungen besagen, dass allein im zentralafrikanischen Raum in den letzten Jahren bei kriegerischen Auseinandersetzungen über 100.000 Frauen geschändet worden sind. Nach dem Völkermord in Ruanda sollen an die 20.000 Kinder zur Welt gekommen sein. Dem schwierigen Versuch von Frauen, nach dem Erleben von Gewalt wieder Fuß im Leben zu fassen, wollte sich der Film ursprünglich widmen. Der erneute Kriegsausbruch in der Zentralafrikanischen Republik hat das Drehbuch jäh umgeschrieben.“

Die schweizer Regisseurin Heidi Specogna (Jahrgang 1959), die seit 20 Jahren eindrucksvolle Dokumentarfilme zu politisch relevanten Themen dreht, ist im Guckloch keine Unbekannte. Im Jahr 2015 widmeten wir ihr einen Themenschwerpunkt mit den Filmen "Pepe Mujica - der Präsident" , "Carte Blanche" und "Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez" (mehr dazu).

Specognas Filme sind kaum tagesaktuell, haben nichts gemein mit dem hektischen "Breaking News"-Journalismus unserer Tage. Sie nimmt sich Zeit für eine sorgfältige Recherche, für den "zweiten Blick". Hört sich mit Geduld an, was die Protagonisten ihrer Filme zu sagen haben, und lässt sich an die Orte führen, wo Menschen für ihre Sache gekämpft oder gelitten haben. Macht so Entdeckungen, stellt Zusammenhänge her oder deckt auch Widersprüche auf. Sie konzentriert sich oft auf einzelne Protagonisten und individuelle Schicksale, an denen sich aber globale Zusammenhänge deutlich machen lassen.

Wohl deswegen ist mir bei der Sichtung des Films wieder einmal das Chaos des täglichen Lebens in diesem afrikanischen Staat, vermutlich stellvertretend für viele andere afrikanischen Länder, bewusst geworden, und einmal mehr verstehe ich Frauen und Männer, die vor Chaos, Krieg, Gewalt, Hunger, Krankheit fliehen und nur etwas Ruhe und Sicherheit fernab der Heimat suchen.
Gertrud Cammerer-Karger
Quellen: Sichtung des Films, Verleihinfo déjà-vu film, Guckloch-Programm Juli 2015