exakt jenem Feld, das der russische Staat besonders empfindlich für sich reklamiert: im öffentlichen Raum und mit internationaler Aufmerksamkeit – aber schweigend", so der Filmtext im Katalog des Dokumentarfilmfestivals Leipzig, auf dem "Pawlenski – der Mensch und die Macht" 2016 uraufgeführt wurde.

Pjotr Pawlenski ist ein Ausnahmekünstler, ein Schmerzensmann, der konsequent seinen Körper einsetzt. Die ausgestellte Verletzlichkeit ist sein wichtigstes Instrument. Wenn er sich 2012 die Lippen zunäht und sich öffentlich auf dem Platz ausstellt, ist das ein Protest gegen die Strafverfolgung der Punkrockband "Pussy Riot". Wenn er sich nackt in Stacheldraht wickelt, ist das als Dornenkrone der Neuzeit zu verstehen. Er protestiert gegen Gewalt, indem er sich selbst Gewalt antut. Seine Aktionen basieren auf einer starken Symbolik, die jeder versteht, die aber nichts direkt ausspricht. So greifen Polizei und staatlicher Geheimdienst hilflos auf die alten Methoden der Stalinzeit zurück: Gefängnis, Psychiatrie, der Vorwurf des „Hooliganismus“.

Die Regisseurin Irene Langemann hat aus Archivmaterial, Videosequenzen, Gerichtsprotokollen und Interviews mit Weggefährten diesen Dokumentarfilm montiert. In einem Gespräch in Deutschlandradio Kultur schilderte sie, dass sie mit Pawlenski selbst eigentlich nur drei Drehtage hatte in Freiheit, im September 2015. Danach sei er verhaftet worden, nachdem er in einer Kunstaktion die Tür am Gebäude des russischen Geheimdienstes in Brand gesetzt hatte. Irene Langemann: "So habe ich versucht, verschiedene Wege zu finden, und zwar, ich bin mit ihm über eine Menschenrechtsorganisation in einen Briefwechsel getreten. (...) Man durfte nicht drehen, aber man konnte zum Beispiel die Verhandlungen, konnte den Ton aufnehmen, sodass wir dann viele Textprotokolle hatten; sowohl von unseren eigenen Dreharbeiten als auch von den Textprotokollen, von den heimlichen Aufnahmen, die er während des Petersburger Prozesses gemacht hat. Dies war der Weg eigentlich, den Film machen zu können. Es gab die realistische Ebene, die Zeitebene, seine Verhaftung, das waren sieben Monate. Und parallel habe ich dann versucht, alle Textprotokolle, die ich hatte, in der Form des Schattentheaters mit Schauspielern umzusetzen."

Im Januar 2017 berichtete die "Zeit", dass Pjotr Pawlenski und seine Frau nach Frankreich ausgereist sind und dort politisches Asyl beantragt haben. Vorausgegangen war ein erneutes Ermittlungsverfahren in Russland wegen des Verdachts der schweren Körperverletzung und sexueller Belästigung. Pawlenski, so hieß es, fühle sich denunziert und bestreite die Vorwürfe. Die "Zeit" zitiert aus einer Stellungnahme auf facebook, die von Pawlenski stamme: "Uns wurde klargemacht, dass es zwei Möglichkeiten gibt, uns gewaltsam aus dem politischen Kontext Russlands zu liquidieren: Lagerhaft oder Exil. Ich werde unter keinen Umständen für etwas ins Lager gehen, was ich nicht getan habe, und mit der Unterwürfigkeit eines Schafes in ein vom Staat betriebenes Schlachthaus torkeln. "
Zusammengestellt von Klaus Peter Karger
Quellen: dok-leipzig.de, zeit.de, Deutschlandradio Kultur, Sichtung des Films