Die Black Box ist bekanntlich der verkapselte Recorder, der in größeren Flugzeugen den Funkverkehr und wichtige technische Daten aufzeichnet, um nach einem Flugzeugunglück nach Möglichkeit die Unfallursachen rekonstruieren zu können. In „Black Box BRD“ rekonstruiert und verschränkt Andres Veiel die Lebensgeschichten zweier Menschen, deren Lebenswelten nicht hätten weiter auseinanderliegen können und die doch Berührungspunkte hatten: die des Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzenden Alfred Herrhausen, der 1989 bei einem Bombenattentat der RAF ums Leben kam, und jene des RAF-Angehörigen Wolfgang Grams, der 1993 bei einem Zugriff der Bundespolizeieinheit GSG 9 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen stirbt, durch einen aufgesetzten Kopfschuss. Ob Suizid, wie von Staatsanwaltschaft und Gerichten festgestellt, oder Hinrichtung, wie man in der linken Szene glauben wollte, ist ungewiss. In beiden Fällen wurden Täterschaft und genaue Umstände nie ganz aufgeklärt.

Bei Andres Veiel stehen nicht die vielen offenen Fragen um das Attentat auf Alfred Herrhausen und den Tod von Wolfgang Grams im Vordergrund, sondern die Lebenslinien dieser beiden Menschen. Er holt dazu die Hinterbliebenen vor die Kamera, die Bankierswitwe Traudl Herrhausen, die Eltern von Wolfgang Grams, außerdem Freunde und Wegbegleiter. Auf der Bildebene verwendet er Archivmaterial des Fernsehens und private Super-8-Filme. Und obwohl die Lebenswelten von Herrhausen und Grams weit entfernt voneinander sind, gibt es doch Entsprechungen, wie die Medienwissenschaftlerin Margarete Wach in einem Aufsatz schrieb, „etwa zwischen dem Elite-Bewußtsein in den Chefetagen der Deutschen Bank und dem Avantgarde-Anspruch der RAF, in der Überidentifikation mit Machtstrukturen, die in die Vereinsamung führen, bis hin zur Autodestruktion.“

Da ist zum einen Alfred Herrhausen. 1930 geboren als Sohn eines Vermessungsingenieurs, besucht er die nationalsozialistische „Reichsschule Feldafing“, studiert nach dem Zweiten Weltkrieg Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, gehört in Köln einer schlagenden Studentenverbindung an und wird nach ersten Tätigkeiten bei zwei Energieversorgern 1971 in den Vorstand der Deutschen Bank geholt.

Schon bald gilt er als Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Spitzenmanagern. Er baut die Deutsche Bank um, macht sie zum damaligen Marktführer, betont aber gleichzeitig den verantwortungsvollen Umgang mit der Macht. Als er 1988 für einen Schuldenerlass gegenüber Entwicklungsländern eintritt, den er wirtschaftlich wie auch moralisch begründet, stößt er auf Widerstand im eigenen Vorstand und Aufsichtsrat, wie auch in der gesamten Finanzwelt. Er sei eines Morgens aus dem Haus gegangen in der Ahnung, vielleicht am Abend nicht mehr Vorstandssprecher zu sein, sagt seine Witwe im Film. Dann fährt sein Mercedes in die Sprengfalle der RAF. Die Terrorgruppe begründet das Attentat in einem Bekennerschreiben mit der Geschichte der Deutschen Bank, ihrer „Blutspur zweier Weltkriege und millionenfacher Ausbeutung“ und der Person Herrhausens als Spitze dieses Machtzentrums.

Und da ist zum anderen Wolfgang Grams. Geboren 1953, sein Vater hatte freiwillig der Waffen-SS angehört, die Eltern waren nach Kriegsende aus dem Osten geflüchtet. Mit seinem Bruder wächst er in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, lernt Geige und Gitarre, wirkt als Statist am Theater mit, gibt als Berufswunsch Förster oder Pastor an. Sein politisches Bewusstsein bildet sich während der Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Er verweigert den Wehrdienst, solidarisiert sich nach der Verhaftung der führenden Köpfe der ersten RAF-Generation mit den Häftlingen, lernt später die Terroristin Birgit Hogefeld kennen und taucht mit ihr 1984 in den Untergrund ab, als Mitglied der dritten Generation der „Rote Armee Fraktion“.

Ob Grams bei dem Attentat auf Alfred Herrhausen beteiligt war, konnte nie nachgewiesen werden. Ebenso blieb der Ablauf der Geschehnisse bei seiner versuchten Festnahme auf dem Bahnhof Bad Kleinen im Dunkeln. Die Staatsanwaltschaft Schwerin legte sich 1994 dahingehend fest, dass der aufgesetzte Kopfschuß Suizid gewesen sei und stellte das Ermittlungsverfahren gegen die GSG 9-Beamten ein. Grams' Eltern und auch zwei Zeugen gingen davon aus, dass auf ihn nochmals geschossen wurde, als er bereits kampfunfähig gewesen sei. Ihre entsprechenden Zivilklagen wurden von mehreren Gerichten jedoch abgewiesen.

„Black Box BRD“ anzuschauen, ist spannend wie ein Krimi. Der Kritiker Ulrich Kriest schrieb: "Mit Geduld und Sensibilität für die Alltagsinszenierungen der Interviewpartner in ihren Lebensräumen beschreibt Veiel die Konflikte des Films auch als Ausdruck einer Klassengesellschaft (...) 'Black Box BRD' sammelt Indizien, Spuren, Hinweise, zielt aber redlicherweise auf kein stimmiges Bild."
Klaus Peter Karger
Quellen: Sichtung des Films, wikipedia.de, filmdienst.de