Als im Jahr 1998 der japanische Horrorfilm „Ringu“ erschien, wurde damit zugleich Filmgeschichte geschrieben. „Ringu“ begründete nicht nur den modernen japanischen Horrorfilm und wurde zu einer der erfolgreichsten japanischen Filmproduktionen, sondern er beeinflusste zugleich durch seine besondere Machart das übrige asiatische Kino sowie diverse Hollywoodproduktionen.

Die Folge des erstaunlichen Erfolgs war eine Reihe ähnlich konzipierter japanischer Horrorfilme, die unter den Begriff J-Horror zusammengefasst werden. Einer dieser Filme war bzw. ist „Audition“ aus dem Jahr 1999 von Regisseur Takashi Miike.

Es geht darin um den Filmemacher Aoyama, dessen Frau kürzlich gestorben ist. Der Beginn einer neuen Beziehung gestaltet sich aufgrund seiner Arbeit schwierig. Doch da kommt sein Freund auf die Idee, ein fingiertes Casting durchzuführen, um dadurch eine geeignete Frau zu finden. Aoyama geht auf den Vorschlag ein und trifft dadurch die schöne und zugleich rätselhafte Asami. Was für ihn zunächst wie ein wieder gefundenes Glück erscheint, entwickelt sich jedoch zu einem wahren Albtraum.

„Audition“ ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Regisseur Ryu Murakami, der mit seinem Erotikdrama „Tokyo Dekadenz“ Anfang der 90er Jahre für Aufsehen gesorgt hatte. Doch funktioniert sein Mystery-Thriller anders als Miikes Umsetzung. Während die Romanfigur Asami in ihrer Rätselhaftigkeit an Daphne du Mauriers Rachel erinnert, wandelt Miike den literarischen Stoff einerseits um in einen typischen Vertreter des J-Horror-Genres, geht aber zugleich weit darüber hinaus. Das Ergebnis ist ein vielschichtiger Horrorfilm, der genauso mit subtilen wie auch mit direkten und damit äußerst extremen Aspekten des Horrorgenres arbeitet.

Als typischer Vertreter von J-Horror beinhaltet „Audition“ kulturell bedingte Darstellungsweisen des Bösen: lange schwarze Haare und ein weißes Kleid sind hierbei besonders ausschlaggebend. Diese sind Merkmale sog. Hanyas, weiblicher Dämonen, welche ahnungslose Menschen heimsuchen und deren Symbolik zugleich auf ein tragisches Schicksal verweist. Verbunden wird diese traditionelle Erscheinung mit einer kritischen Sichtweise auf die Moderne, die vor allem die Konfrontation zwischen Emanzipation und Patriarchat zum Thema hat. Dies erklärt sich daraus, das moderne japanische Horrorfilme Teil der neuen japanischen Emanzipationsbewegung sind, die sich Mitte der 90er Jahre formiert hat.

Mit „Audition“ schuf Regisseur Takashi Miike ein mehrfach ausgezeichnetes Meisterwerk. Kritiker sind bis heute beeindruckt von der ungewöhnlichen Ästhetik des Films. Die ruhige Handlung gleitet dabei nach und nach über ins Surreale, bis einen das Finale regelrecht erschlägt. Sanfte Bilder werden durch eine nervenaufreibende und verstörende Radikalität abgelöst. Am ehesten lässt sich dies noch vergleichen mit den Filmen David Cronenbergs.

„Audition“ machte den Workaholic Takashi Miike international bekannt. Der Regisseur schuf seit 1991 beinahe 100 Filme und bedient dabei sowohl den Kino- als auch den Direct-to-Video-Markt. Sein Repertoire reicht vom Gangsterfilm bis hin zum Fantasy-Spektakel, wobei er auch gerne Genres willkürlich vermischt und dabei seinen unverkennbaren Stil schafft. Regisseur Eli Roth bezeichnete „Audition“ als den „perfekten Film“. Für Quentin Tarantino ist „Audition“ ein „echtes Meisterwerk“.
Max Pechmann
Quellen: FILM und BUCH, Asiawiki