Filmreihe

"1001 Nacht: Volume 1-3": Scheherazade in Euroland
Als Themenschwerpunkt zeigen wir in diesem Quartal an drei Abenden die Trilogie "1001 Nacht: Volume 1-3" von Miguel Gomes. Sie wurde 2015 in der "Quinzaine des Réalisateurs" bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt. Der "Spiegel" schrieb danach: "Sich das (...) Epos anzuschauen, bedeutete im Rahmen des Festivals, auf die großen Namen im Wettbewerb und ihre großen Erzählungen zu pfeifen und sich ganz dem Ekletizismus hinzugeben – und weil das der Gestus von Gomes' Filmen selbst ist, stellte sich alsbald einheitliche Begeisterung ein: Wer von der Filmkritik '1001 Nacht' in Cannes gesehen hatte, feierte das Filmprojekt als Highlight des Festivals". Und die "tageszeitung" schreibt von einem "beglückenden Höhepunkt des europäischen Kinos."

Worum geht es in der Trilogie? Die drei Filme, jeder in sich abgeschlossen und mit den Untertiteln "Der Ruhelose", "Der Verzweifelte" und "Der Entzückte" versehen, zeichnen ein Bild Portugals im Zeitraum zwischen August 2013 und Juli 2014, unter dem Spardiktat der Europäischen Union. Alle Geschichten, Figuren und Orte, die im Folgenden erzählt werden, heißt es im Vorspann, basierten auf wahren Begebenheiten, die sich in dieser Zeit in Portugal ereignet hätten. "Während dieser Zeit wurde das Land von der Sparpolitik einer Regierung beherrscht, die offensichtlich keine soziale Gerechtigkeit kennt. Fast die gesamte portugiesische Bevölkerung verfiel dadurch in Armut".

Einen "schönen" Film wolle er machen, verrät der Regisseur in der Eingangssequenz, voller wundervoller und verführerischer Geschichten aus seinem Land. Und erkennt im gleichen Atemzug – weil aktuell gerade die Schließung einer Schiffswerft ansteht mit 600 Menschen, die arbeitslos werden - dass das eigentlich überhaupt nicht geht. So flieht der Regisseur zunächst aus dem Dilemma und vom Set, wird aber von seiner Filmcrew (die dann auch arbeitslos würde) verfolgt und eingeholt. Weil er um sein Leben fürchtet, kommt ihm als Ausweg Scheherazade in den Sinn. Jene Königsgattin aus dem Orient, die sich der Ermordung entzieht, indem sie jede Nacht bis zum Morgengrauen eine spannende Geschichte weiterstrickt, worauf der König sie am Leben lässt, gespannt auf die Fortsetzung am nächsten Abend.

Wenn man den Fragmenten des angeblich vom Regisseur stammenden Logbuchs vertraut, die der deutsche Filmverleih "Real Fiction" veröffentlicht hat, dann hat Miguel Gomes sich ohne genaues Buch in das Abenteuer der ein Jahr dauernden Dreharbeiten gestürzt: "Ausgehend von den derzeitigen Ereignissen im ganzen Land schlagen die JournalistInnen dem Zentralkomitee (mit Gomes als Vorsitzendem, Anm. des Autors) Themen zur Recherche vor; das Zentralkomitee stimmt über die Vorschläge der JournalistInnen ab; sobald die JournalistInnen über die Prioritäten des Zentralkomitees informiert sind, verhandeln sie mit der Produktion über die Art der Arbeit (d.h., sie verlangen z.B. Geld); das Komitee wird von den JournalistInnen mit Informationen von deren Recherchen beliefert und versucht daraus eine Fiktion (mit oder ohne Drehbuch) zu entwerfen, die sich als eine von Scheherazades Geschichten eignet; um die jeweilige Geschichte zu drehen, muss dann das verängstigte Produktionsteam innerhalb kürzester Zeit die SchauspielerInnen und Probeaufnahmen organisieren, geeignete Locations finden und ein technisches Team engagieren. So sollte es also in diesem Büro zwölf Monate lang ablaufen. Heute ist der erste Tag."

So reist das Team quer durch Portugal, zu den kleinen Leuten in den Barrios und Vorstädten, zu Kranken und verarmten Kleinbauern, dreht Reales und Fiktionales, wobei immer wieder auch die Schauspieler in eine Realsituation eingreifen. Banales steht neben Bedeutsamem. Der Kampf der Werftarbeiter neben bereits arbeitslosen Buchfinkenzüchtern, die ihre Singvögel für den nächsten Wettstreit trainieren. Der rekonstruierte gemeinsame Suizid eines Paares neben dem Mann, der einen Kredit aufnimmt, um den Tierarzt für seinen Papagei bezahlen zu können. Der Versuch mit einem toten Wal zu sprechen (worauf dieser explodiert) neben dem verzweifelten Arbeitslosen, der auch mit Psychopharmaka seine Stimmung nicht aufhellen und die Ehekrise nicht beheben kann.

"1001 Nacht" ist eine wilde Chronik mit oft harten Brüchen, mal theatralisch inszeniert, mal dokumentarisch, hier poetisch, dort fantastisch bis surreal, an einer Stelle wütend anklagend, an der anderen subtil beobachtet. Wer die filmisch etwas anstrengenden ersten 20 Minuten durchsteht und bereit ist, sich auf ein gut sechsstündiges Gesamtkunstwerk einzulassen, wird belohnt.

Im Logbuch beschreibt Miguel Gomes, wie auch seine Produktion, vom thailändischen Kameramann Sayombhu Mukdeeprom auf 16mm-Filmmaterial gedreht, vom Niedergang der portugiesischen Wirtschaft tangiert wird: "Man informiert mich, dass die Negative in einem anderen Labor entwickelt werden müssen. Das Labor ist bankrott. Dies ist der zweite Film in Folge, bei dem ich zusehen muss, wie das Labor, mit dem wir zusammen arbeiten, dicht macht."

Ach ja, und dann gibt es noch den afrikanischen Medizinmann in einer Hütte mitten in Portugal, der weiß, warum die Verhandler der EU-Troika das hochverschuldete Land mit einer rigorosen Sparpolitik und unmöglichen Finanzzielen quälen: "Weil sie keinen Sex haben, und ihnen die Lebenslust verloren gegangen ist."
Klaus Peter Karger