Filmreihe

Horrorfilme
Fällt der Begriff Horrorfilm, so löst dies bei vielen Menschen Abneigung aus. Horror wird in der Öffentlichkeit als pornografisch, als trivial oder als Gewalt verherrlichend betrachtet. Wie kann man daher bloß auf die Idee kommen, Horror ernst zu nehmen? Und erst recht den Einfall haben, Horrorfilme im Gucklochkino zu zeigen?

Horror einmal allgemein betrachtet
Die gesellschaftlich weit verbreitete Aversion gegenüber Horrorfilmen bestimmt nicht nur den allgemeinen Diskurs, sondern war auch lange Zeit in den Kultur- und Medienwissenschaften verbreitet. Und nicht zuletzt rümpften die Kritiker die Nase, wenn es um dieses Thema ging. Erst seit dem neuen Jahrtausend wird in diesen Disziplinen das Phänomen Horror ernst genommen und auf seine kulturellen, soziologischen und (film-)historischen Inhalte hin untersucht. Etwa innerhalb desselben Zeitraums veränderten auch Filmkritiker ihre Voreingenommenheit und begannen, sich näher mit dem Thema Horrorfilm, dessen Geschichte und dessen Merkmalen auseinanderzusetzen.

Das Ergebnis: Horror hat die Vorurteile, die das Genre brandmarken, nicht verdient. Horror ist weder pornografisch noch trivial noch Gewalt verherrlichend. Horror ist ein Genre, das auf eine überaus kunstvolle Weise mit sozialen Ängsten arbeitet, sich dabei an einer freudianisch inspirierten Symbolik orientiert und zugleich auf soziokulturellen und folkloristischen Merkmalen basiert.

In dieser Hinsicht kommen Horrorfilme in ihrer Erzählweise den Märchen, Sagen und Legenden ziemlich nahe. Doch gehen Horrorfilme noch einen Schritt weiter: Sie sind eine Art Indikator für soziale Konflikte und soziale Probleme und verstehen sich daher als eine Form der Gesellschaftskritik. So sind z.B. die Filme der 70er Jahre stark verbunden mit den sozialen Bewegungen jener Zeit.

Betrachtet man die Historie des Horrorfilms, so liegen dessen Ursprünge am Ende des 19. Jahrhunderts, als in Paris das Grand Guignol-Theater eröffnet wurde. Dort wurden Stücke gespielt, in denen es um Psychopathen, Monster, Vampire und Spukerscheinungen ging, Figuren also, die sich auch in den späteren Horrorfilmen wieder finden. Die große Beliebtheit dieser Stücke führte dazu, dass ab 1900 gleichartige Geschichten für die Leinwand adaptiert wurden.

Der Erfolg kannte auch beim filmischen Äquivalent des Grand Guignol keine Grenze. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Dies führte dazu, dass Horrorfilme für die Produktionsfirmen ein überaus wichtiger ökonomischer Faktor geworden sind. Zwar wurde das Horrorgenre aufgrund günstiger Produktionsbedingungen ab den 80er Jahren auf den Videomarkt verdrängt, doch durch den Welterfolg „Scream“ (1996) und endgültig durch das Remake „Ring“ (2002) wieder zurück in die Kinos gebracht. Für Regisseure und Schauspieler dienen Horrorfilme als Karrieresprungbrett. Aber auch bekannte Regisseure werden gelegentlich von den Möglichkeiten, die das Horrorgenre als eine Form des künstlerischen Ausdrucks bietet, angesteckt. Z.B. Stanley Kubrick mit „Shining“ (1980), William Friedkin mit „Der Exorzist“ (1973) oder auch Ingmar Bergman mit Filmen wie „Das siebte Siegel“ (1957), „Die Jungfrauenquelle“ (1959) oder „Die Stunde des Wolfs“ (1968). Nicht zu vergessen natürlich Alfred Hitchcock mit „Psycho“ (1960) und „Die Vögel“ (1963).

Das negative Image eines faszinierenden Genres
Bei den oben genannten Filmen handelt sich nicht nur um Horrorfilme, sondern zugleich um Filmklassiker. Zugleich ist ersichtlich, wie weitreichend das Horrorgenre ist, das sowohl den Autorenfilm als auch die Big Budget-Produktion umfasst. Geht es um die Diskussion um Horrorfilme, so erwähnen Gegner des Genres nie diese Klassiker. Es zeigt sich dabei auch ein großes, mit Vorurteilen bespicktes Unverständnis nicht nur gegenüber dem Horrorfilm als solchem, sondern auch gegenüber Film als Medium und Kunstform.

Das wohl bekannteste Beispiel für eine solche Voreingenommenheit ist die Dokumentation „Mama, Papa, Zombie“, die 1984 vom ZDF produziert und ausgestrahlt wurde. Der einzige Zweck dieser Reportage liegt darin, das Horrorgenre zu diffamieren, ohne auf das Genre und dessen soziokulturellen und filmhistorischen Hintergründe einzugehen. Wie bei Kritiken dieser Art üblich, wurden möglichst blutige und grausam wirkende Szenen gezeigt, um diese Filme als „pervers“ bezeichnen zu können. Eine solche, fast schon propagandistische Art führt letztendlich zu einer kompletten Verzerrung der Tatsachen, da z.B. die gezeigten Szenen aus ihrem jeweiligen Kontext genommen wurden. Seitens der Macher der Dokumentation kam es auch zu keinem Hinweis auf die Handlungen der erwähnten Filme oder darüber, welche Funktionen diese Szenen in den Filmen haben. Fans von Horrorfilmen werden in der Dokumentation als „pervers“ und „psychisch abartig“ bezeichnet. Inzwischen besitzt diese Reportage aufgrund ihrer Naivität und unfreiwilligen Komik so etwas wie einen Kultstatus im Bereich des Trash-Genres.

Doch die grundlegende Frage bleibt natürlich bestehen: Weswegen besitzt das Horrorgenre ein solch schlechtes Image? Interessanterweise wird besonders in Deutschland, wo eigentlich die Wiege des späteren Horrorfilms liegt (Filme wie „Das Kabinett des Dr. Caligari“ oder „Nosferatu“ beeinflussen bis heute das Genre), vehement gegen Horrorfilme diskutiert. Dies liegt vor allem daran, dass in Deutschland überhaupt das Genre der Phantastik, zu dem Horror zählt, Jahrzehnte lang als trivial empfunden wurde. Der Grund dafür findet sich vor allem in der Art des Umgangs mit diesem Genre seitens der Germanisten und Kulturwissenschaftler, die der Phantastik (in literarischer und in filmischer Form) wenig bis gar keine Beachtung schenkten, da sie schlichtweg als Schund betrachtet wurde. Dies im Gegensatz zu den USA, England oder Frankreich, wo die Phantastik denselben Rang einnimmt wie die sog. anspruchsvolle Literatur oder Kunst. Da aus diesem akademischen Bereich auch die meisten Kritiker stammten, fand sich auf diese Weise die Abneigung gegenüber diesem Genre in den Massenmedien wieder, die wiederum die öffentliche Meinung beeinflussten.

Ein weiterer, sichtbarerer Effekt, der zum negativen Image des Horrorfilms in Deutschland beitrug, liegt in zwei weiteren Aspekten begründet: Zum einen darin, dass Horrorfilme in Deutschland ab den 70er Jahren vor allem in den Bahnhofskinos liefen, die generell ein Schmuddelimage umgab. Zum anderen durch das Aufkommen der Videotheken Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, die nicht weniger mit einem zwielichtigen Ruf zu kämpfen hatten. Und da viele Horrorfilme aufgrund des Videobooms speziell für diesen Markt produziert wurden, ging das Schmuddelimage auch auf sie über.

All dies zusammengenommen sorgte und sorgt für eine verzerrte Wahrnehmung des Genres, das eigentlich, wie dies der Filmwissenschaftler Andrew Tudor in seiner Abhandlung „Monsters and Mad Scientists“ (1989) bezeichnet, das faszinierendste Genre in Sachen Film darstellt. In keinem anderen Genre, so fügt er hinzu, lernt man so viel über den Zustand einer Gesellschaft wie in einem Horrorfilm.

Horror: Die neue Sichtweise auf ein faszinierendes Genre
Wie oben bereits erwähnt, änderte sich diese negative Sichtweise im akademischen und medienkritischen Bereich in den letzten siebzehn Jahren. Auslöser dafür war eine Welle film- und medienwissenschaftlicher Publikationen in den USA, die sich mit dem Horrorgenre auf einer soziokulturellen, einer historischen und einer narrativen Ebene ernsthaft auseinandersetzten. Diese schwappte in den vergangenen Jahren bis nach Deutschland, wo nun ebenfalls ein Umdenken gegenüber dem Horrorgenre zu erkennen ist. Dies macht sich u. a. darin bemerkbar, dass nun auch in Radio- und Fernsehprogrammen Horrorfilme rezensiert und verschiedene akademische Abhandlungen darüber veröffentlicht werden.

Der Auslöser für diese Auseinandersetzung in den USA liegt in dem Film „Ring“ (2002), einem Remake des japanischen Horrorfilms „Ringu“ (1998). „Ringu“ zählt zu den erfolgreichsten japanischen Spielfilmen überhaupt. Das von Gore Verbinski gedrehte Remake zählt zu den erfolgreichsten Remakes der Filmgeschichte. Der Film ebnete die Rückkehr des Horrorfilms in die Kinosäle und führte zugleich zu einer Japanisierung Hollywoods in diesem Genre. Die Frage, die sich aufgrund des Remakes stellte, lautete, auf welche Weise werden soziokulturelle Merkmale des japanischen Originals in dem Remake umgesetzt? Die Frage war deswegen von großem Interesse, da sich sowohl „Ringu“ als auch „Ring“ auf spezifische soziokulturelle Merkmale des Alltagslebens bezog und einen zentralen Aspekt der Globalisierungsdebatte betraf. Die Diskussion verlief nicht nur innerhalb des akademischen Bereichs, sondern umfasste nach und nach auch Filmmagazine, professionell betriebene Blogs und andere Medien.

Der Diskussionspunkt führte zu der oben genannten Fülle an Publikationen. Diese weiteten sich aus auf andere Horrorfilme und Subgenres. Das Ergebnis der diversen Untersuchungen war: Horror ist keineswegs Schund. Horror ist ein ernstzunehmendes und hochgradig kunstvolles Filmgenre, dessen kulturelle Bedeutung bisher vollkommen unterschätzt wurde.

Die Beschäftigung mit dem Genre führte dazu, dass nun auch die öffentlich gebrandmarkten Produktionen aus der „Schmuddelfilm-Ära“ der 70er Jahre anders betrachtet und bewertet wurden. Da, wo man fälschlicherweise pornografische und Gewalt verherrlichende Tendenzen bemerkt haben wollte, erkannte man nun eine besondere Form der Kunst, deren Farben, Lichtgebung und Optik von den unterschiedlichsten Kunststilen beeinflusst wird – angefangen vom Barock bis hin zum Art Deco.

Auch ist Horrorfilm nicht gleich Horrorfilm. Das Genre teilt sich auf in verschiedenste Subgenres sowie Genreüberschneidungen, sodass eine genaue Kategorisierung schwer fällt (Andrew Tudor zählte Ende der 80er Jahre bereits über 20 dieser Subgenres). Es gibt Horrorfilme, die das Unheimliche auf eine subtile Weise darstellen und dabei ganz ohne Kunstblut auskommen, und es gibt Horrorfilme, die dieses auf eine direkte Weise vollziehen. Zu der zweiten Kategorie gehören die Splatter- und Slasher-Filme, die in den 80er Jahren Hochkonjunktur hatten und auf die auch die Kritik der Horrorfilmgegner abzielte. Aber auch diese Filme werden inzwischen neu bewertet und deren Darstellungsweisen anders betrachtet als damals.

Anhand filmsoziologischer Untersuchungen wurde zudem das Profil des typischen Horrorfans unter die Lupe genommen – und dabei kein eindeutiges gefunden. Die Begeisterung für dieses Genre ist unabhängig von Alter, sozialer Herkunft oder Bildung. Waren früher Fans eher männlich, so halten sich inzwischen männliche und weibliche Zuschauer die Waage. Zwar versuchen pädagogische Untersuchungen immer wieder darauf hinzuweisen, dass Horrorfilme das Verhalten von Jugendlichen negativ beeinflussen würden, doch gibt es aus einer soziologischen Perspektive keine signifikante Verbindung. Nicht weniger interessant ist, dass in Japan und in Südkorea das Horrorgenre (gemeint sind damit J-Horror und K-Horror, die beide Ende der 90er Jahre entstanden), aufgrund seines wichtigen Beitrags zur Emanzipationsdebatte, als Frauenfilmgenre betrachtet wird und dort tatsächlich auch das weibliche Publikum stärker vertreten ist als das männliche.

Zur Auswahl der Filme
Eingefleischte Gegner von Horrorfilmen werden sich durch die vorangegangenen Informationen wahrscheinlich noch immer nicht beeindrucken lassen. Die neue Beschäftigung mit diesem Genre und die unvoreingenommene Sichtweise darauf zeigen jedoch, dass hier viel zu lange eine wichtige Darstellungsform vernachlässigt wurde.

Aus diesem Grund möchte sich nun auch das Gucklochkino anhand von drei Filmen mit diesem Genre auseinandersetzen und dabei zur neuen Diskussion über Horrorfilme beitragen. Wir haben daher drei Produktionen ausgewählt, die, wie wir meinen, eine möglichst große Bandbreite der Horrorfilmkunst präsentieren, Diese Filme beinhalten jeweils verschiedene und zugleich wesentliche Aspekte von Horrorfilmen, reichen von subtilen bis zu direkten Darstellungsweisen des Unheimlichen und sind gleichzeitig Beispiele für den modernen europäischen, den modernen japanischen und den modernen US-amerikanischen Horrorfilm.

Zum subtilen Horror könnte man den 2012 erschienenen Film „Berberian Sound Studio“ zählen, in dem ein englischer Toningenieur von einem italienischen Regisseur engagiert wird, seinen neuesten Film zu vertonen. „Berberian Sound Studio“ spielt in den 70er Jahren, als der italienische Horrorfilm und der damit einhergehende Giallo ihre Hochphase erlebten. Der Film funktioniert auf unterschiedlichen Ebenen: zum einen als subtiler Horrorstreifen, der vor allem mit beklemmenden Motiven arbeitet, zum anderen als Hommage an die Epoche der italienischen Horrorfilme der 70er Jahre und auf einer dritten Ebene als ein ironischer Bezug auf die oben skizzierte Diskussion um die Wirkung von Horrorfilmen.

Der japanische Horrorfilm „Audition“ (1999), in dem ein verwitweter Mann eine neue Frau sucht und dabei auf die mysteriöse Asami stößt, beinhaltet ebenfalls eine Bandbreite unterschiedlicher Merkmale des Horrorfilms. Zum einen ist er ein Beitrag des modernen japanischen Horrorfilms, der Ende der 90er Jahre entstand und damit auch sämtliche zentralen Aspekte von J-Horror beinhaltet, deren Symbolik sich teilweise auf die japanische Folklore bezieht. Zum anderen arbeitet „Audition“ sowohl mit sehr subtilen als auch mit direkten und damit extremen Aspekten der Darstellung, zu deren Bestandteil auch Make-Up-Effekte gehören.

Der US-amerikanische Film „It Follows“ (2014) ist ein Beispiel für den heutigen Horrorfilm. Diese Form orientiert sich an den Filmen der 70er und 80er Jahre, wobei sich „It Follows“ an Klassiker wie die Werke wichtiger Regisseure wie John Carpenter, Mario Bava oder Dario Argento anlehnt. Besonders Farbgebung und Musik besitzen einen bavaesken bzw. argentoesken Bezug. Dabei erzählt der Film von einer Gruppe Jugendlicher, die es in einer Kleinstadt mit einer unheimlichen Bedrohung zu tun bekommen, mit einer Art Fluch, der nur durch Sex von dem jeweiligen Betroffenen weicht. „It Follows“ wird dadurch zu einem Zitatenschatz, der von „Halloween“ bis zu „Ring“ reicht. Mit einem Budget von zwei Millionen Dollar und einem Einspielergebnis von 15 Millionen Dollar ist „It Follows“ zudem ein Beispiel für den enormen Erfolg, den Horrorfilme seit jeher an den Kinokassen erzielen.
Max Pechmann