Schweiz/Deutschland/Kroatien/Finnland 2018

 

Regie und Buch: Anja Kofmel

Bildgestaltung: Simon Guy Fässler

Head of Animation: Simon Eltz

Art Director: Serge Valbert

Musik: Marcel Vaid

Montage: Stefan Kälin

Produktion: Dschoint Ventschr/Nucleus Film/Ma.Ja.De Film

Deutsche Sprecherin: Susanne-Maria Wrage


90 Minuten

FSK: ohne Angabe

Festivals & Preise:

Schweizer Filmpreis 2019: Bester Dokumentarfilm, Bester Schnitt, Beste Musik

Berlin & Beyond Festival 2019: Publikumspreis

Deutscher Dokumentarfilmpreis 2019: Norbert Daldrop Award

Deutsche Originalfassung



Villingen
Mittwoch, 22. Januar 2020
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
Chris the Swiss

Mitten in den Jugoslawienkriegen wird im Januar 1992 ein junger Schweizer Journalist, Christian Würtenberg, in Kroatien unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden. Laut Autopsiebefund ist er erwürgt worden. Zum Zeitpunkt des Todes trug der 27-jährige die Uniform einer internationalen paramilitärischen Söldnertruppe, die mit der „Säuberung“ der serbischen Bevölkerung auf kroatischem Gebiet beauftragt war.

 

Chris war der ältere Cousin der Schweizer Regisseurin Anja Kofmel. Sie hatten aufgrund des Altersunterschieds keinen innigen Kontakt, so erzählt sie, aber als Zehnjährige habe sie ihn bewundert, für seinen freien Geist und weil er in der Welt herumgereist ist wie einst Marco Polo. Er war für sie ein Held. Zwanzig Jahre später, als erwachsene Frau, recherchiert sie zu den Umständen seines Todes und versucht zu verstehen, was Chris‘ tatsächliche Beteiligung war. Wollte er wirklich, wie Journalistenkollegen glauben, undercover die mafiösen Strukturen der Söldnertruppe und ihre Verbindungen zur katholischen Organisation „Opus Dei“ aufdecken? War er an den „Säuberungen“ beteiligt? Und warum ist jemand, der in der friedlichen Schweiz aufgewachsen ist, so fasziniert vom Krieg?

 

Sie interviewt Chris‘ Bruder, der Fotograf ist und sich heute Vorwürfe macht, weil er Chris damals nicht nach Jugoslawien begleitet hat und seinen Tod vielleicht hätte verhindern können. Mit Chris‘ Tagebuch als Leitfaden reist sie an die Orte des Geschehens, holt Journalistenkollegen und andere Mitglieder der Söldnertruppe vor die Kamera, setzt alte Fotos und historisches Filmmaterial ein. Diese journalistische Seite macht etwa die Hälfte des Films aus und wird ergänzt durch animierte, gezeichnete Bildsequenzen, die die persönliche Sicht der Regisseurin visualisieren, aber auch Chris‘ mögliche Alpträume und Schreckensvisionen (siehe dazu auch den Einführungstext zu diesem Themenschwerpunkt).

 

»Es war klar, dass man die Wahrheit an sich in diesem Projekt nicht finden kann. Weil es so viele Geschichten gibt, so viele Sackgassen auch in der Recherche«, sagte Anja Kofmel in einem Interview. Aber natürlich habe sich das Bild, das sie seit der Kindheit von ihrem Cousin hatte, verändert. Und sie habe jetzt den Eindruck, dass der Film heute viel aktueller ist als zu dem Zeitpunkt, als sie daran zu arbeiten begonnen hat: »Wenn sie heute die Welt anschauen oder auch nur Europa, wie viele junge Menschen als Söldner in Kriege ziehen, dann ist er sehr aktuell. (…) Für mich war es faszinierend, diese ganze Energie zu spüren, die da dahintersteckt, diese Realität, die sich so völlig von meiner eigenen Lebenswelt unterscheidet.«

 

Ungewöhnlich ist an diesem Film nicht nur die Mischung aus Realfilm und Animation, sondern auch die Produktion der Filmmusik. Der Komponist Marcel Vaid schilderte bei „Dokville“, der jährlichen Dokumentarfilmtagung in Stuttgart, dass man hier in Teilen auch auf die Technik des „Soundpaintings“ aus der zeitgenössischen Musik der 1980er Jahre zurückgegegriffen habe. Statt einer Notation folgen die Orchestermusiker einer Zeichensprache des Dirigenten und setzen diese improvisatorisch in Klänge um.

 

Klaus Peter Karger