Brasilien/Deutschland 2019

Regie: Karim Aïnouz
Drehbuch: Murilo Hauser, Inés Bortagaray, Karim Aïnouz (basierend auf dem Roman von Martha Batalha)
Bildgestaltung: Hélène Louvart
Musik: Benedikt Schiefer
Montage: Heike Parplies
Produzenten: Rodrigo Teixeira, Michael Weber, Viola Fügen
Darsteller: Carol Duarte, Julia Stockler, Fernanda Montenegro, Gregorio Duvivier

139 Minuten

FSK: keine Bewertung

Festivals & Preise:
Cannes 2019: Prix Un certain Regard
Filmfest München 2019: CinePro

Original (Portugiesisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 19. Februar 2020
17:00 Uhr (deutsch)
20:15 Uhr (OmU)
Donaueschingen
Montag, 17. Februar 2020
20:00 Uhr
A Vida Invisível de Eurídice Gusmão
Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Beim Festival in Cannes wurde dieser Film mit dem „Prix Un Certain Regard“ ausgezeichnet, auf dem Filmfest München mit dem „CinePro-Award“, und jetzt schickt ihn Brasilien als offiziellen Beitrag ins Rennen um den Auslands-„Oscar“ 2020. „The Hollywood Reporter“ nannte Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão »ein traumhaft schönes, unwiderstehliches Melodram, eine Hymne auf die Widerständigkeit von Frauen, getragen von der saudade, jener zutiefst brasilianischen Stimmung melancholischer Sehnsucht, und einem starken Gefühl von Wärme und Solidarität.« Während „The London Economic“ von einem »tief bewegenden Kinoerlebnis« spricht.

Der brasilianisch-algerische Regisseur Karim Aïnouz erzählt in seinem Film die Geschichte zweier Schwestern im Brasilien der 1950er Jahre. Sie lieben einander innig, werden aber durch die patriarchalen Strukturen, die im Land und in ihrer Familie herrschen, auseinandergerissen. Der Roman von Martha Batalha, auf dem der Film basiert (in Deutschland erschienen unter dem Titel „Die vielen Talente der Geschwister Gusmão“), spielt eigentlich in den 1920er Jahren, Karim Aïnouz hat die Handlung aber in die 1950er übertragen und damit näher an die Gegenwart geholt. Bei den AG-Kino-Sreenings in Leipzig, wo ich den Film im Oktober gesehen habe, sprach er in diesem Zusammenhang von einem »Hyper-Machismo«, der Brasilien bis heute präge. Damals wie heute sei die Bestimmung der Frau, Kinder zu kriegen und den Haushalt zu versorgen.

 

Die 18-jährige Eurídice und ihre zwei Jahre ältere Schwester Guida wachsen als lebensfrohe junge Frauen in Rio de Janeiro auf. Eurídice spielt leidenschaftlich Klavier und träumt von einem Musikstudium in Wien und einer Karriere als Pianistin. Guida sucht die wahre Liebe in wechselnden Beziehungen zu Männern und brennt mit einem griechischen Matrosen durch, der ihr das Glück in Europa verspricht. Allein, enttäuscht und schwanger kehrt sie wenig später nach Brasilien zurück und wird von ihrem Vater verstoßen, weil sie aus seiner Sicht Schande über die Familie gebracht hat. Aufgrund der herrschenden Strukturen findet sie auch in ihrer Mutter keinen Beistand. Guida schlägt sich als alleinerziehende Mutter durch und wird ihrer Schwester Eurídice, die sie in Wien wähnt, ein Leben lang Briefe schreiben, auf die sie nie eine Antwort bekommt.

 

»Ein Film, der unsichtbare Biographien sichtbar macht (…) und überreich ist an sinnlichen Details, Gesten, Tragödien und neuen Heimaten«, schrieb Verena Lueken in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

 

Karim Aïnouz, Jahrgang 1966, hat an der Universität von Brasilia Architektur und in New York Filmwissenschaften studiert. Danach war er Assistent des Regisseurs Todd Haynes bei mehreren Spielfilmprojekten und Co-Autor des Films Behind the Sun von Walter Salles. Seit 1992 macht er eigene Filme und erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Sein erster eigener Spielfilm Madame Satã über den Tänzer, Sänger und Transvestiten João Francisco dos Santos bedeutete seinen internationalen Durchbruch als Regisseur. In Deutschland hat er 2018 den Dokumentarfilm Zentralflughafen THF veröffentlicht, über Geflüchtete, die in den Hangars des stillgelegten Berliner Flughafens Tempelhof auf ein besseres Leben hoffen.

Klaus Peter Karger