Frankreich, Italien 2019

 

Regie: Roman Polanski

Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski nach einem Roman von Robert Harris

Bildgestaltung: Pawel Edelman

Musik: Alexandre Desplat

Montage : Hervé de Luze

Produktion: Alain Goldman

Darsteller: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois


132 Minuten

 

FSK: ab 12

 

Festivals & Preise:

Internationale Filmfestspiele von Venedig 2019: Auszeichnung mit dem Silbernen Löwen – Großer Preis der Jury

Prix Lumières 2020: Auszeichnung für die beste Regie

Original (Französisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 23. September 2020
20:15 Uhr
Donaueschingen
Montag, 21. September 2020
20:00 Uhr
J’accuse
Intrige

Auf dem Filmplakat starren sich zwei Offiziere in dunkelblauer Uniform an, im Vordergrund prangt ein Satz: »J’accuse«. Beim Betrachter werden Schulerinnerungen wach, ja, die Affäre Dreyfus aus dem Geschichtsunterricht ist noch präsent, ruft Assoziationen hervor. Um Spionage, Antisemitismus, Lüge in den höchsten Kreisen der Armee, skandalös geführte Prozesse und Spaltung in der französischen Politik und Gesellschaft der Dritten Republik ging es.

 

Aber war es nötig, nach über hundert Jahren und mehreren Verfilmungen, die Degradierung und späte Rehabilitierung des französischen Offiziers Alfred Dreyfus ein weiteres Mal aufzuarbeiten?

 

Im Jahr 1895 wird der jüdische, aus Elsass-Lothringen stammende Hauptmann Alfred Dreyfus unberechtigt wegen Spionage für Deutschland verurteilt, degradiert und auf die Teufelsinsel, eine Strafkolonie vor Französisch-Guyana verbannt. Als die Lieferung von sensiblen Informationen an Deutschland jedoch weitergeht, wird der Offizier Marie-Georges Picquart mit Recherchen beauftragt. Polanski setzt nun Picquart und nicht Dreyfus in den Mittelpunkt der Geschichte. Der gewissenhafte Picquart stellt bald fest, dass die angeblichen Beweise gegen Dreyfus manipuliert, erfunden oder gefälscht waren und teilt seinen Vorgesetzten seine Zweifel an Dreyfus‘ Schuld. Der Generalstab reagiert jedoch mit Drohungen und mit seiner Versetzung nach Algerien und Tunesien. Obwohl Picquart später sogar verhaftet und unehrenhaft aus der Armee entlassen wird, hat seine Beharrlichkeit einen Stein ins Rollen gebracht. Er hat Lügen der Armee aufgedeckt sowie eine starke Reaktion in der Politik, der Gesellschaft sowie bei Schriftstellern ausgelöst. Die Meinungen über Dreyfus sind gespalten, Dreyfusarden und Antidreyfusarden teilen Frankreich in zwei Lager. Eine Wende in der Affäre bildet Émile Zolas offener Brief »J’accuse…!« („Ich klage an…!“) an den Präsidenten der Republik Félix Faure, der in der Zeitung L’Aurore veröffentlicht wird.

Erst 1906 wurden Alfred Dreyfus und Marie-Georges Picquart rehabilitiert.

 

Roman Polanskis Film Intrige besitzt viele Facetten. Wie ein Thriller lässt er den Zuschauer an Picquarts Recherchen teilnehmen. Dabei werden die technischen Neuerungen, wie das Automobil, das Telefon und sogar erste Kodak-Kameras in Szene gesetzt.

 

Er zeichnet auch ein präzises, ästhetisch bemerkenswertes und authentisches Tableau der französischen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

 

Nach dem deutsch-französischen Krieg leidet Frankreich unter dem Verlust von Elsass-Lothringen an Deutschland, was das Aufkommen von Nationalismus fördert. Ohnehin ist die Gesellschaft latent antisemitisch, insbesondere die Armee, in der traditionell viele adlige Offiziere dienen. Beides erklärt, warum Alfred Dreyfus, ein Jude, und als Elsässer potentiell nah beim Feind, als Schuldiger „auserkoren“ wurde. Im Lauf der Entwicklungen wird der Antisemitismus bei den Antidreyfusarden, die in allen gesellschaftlichen Schichten, auch bei Politikern, Schriftstellern und Journalisten, immer offener und aggressiver, die Ausschreitungen gewalttätig. Als Fenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen werden, werden die Ereignisse der jüngeren Geschichte, der Reichskristallnacht, wieder wach. Der Film soll angesichts der heutigen judenfeindlichen Stimmung durchaus als ein Mahnruf verstanden werden. Auf der anderen Seite löst die Affäre eine Welle der Unterstützung für Dreyfus aus und die Denunziation der skandalösen Vertuschungen in der Armee.

 

Und die Frage nach der Notwendigkeit für einen weiteren Dreyfus-Film? Diese beantwortet Roman Polanski in einem Interview selbst, das dem Pressematerial zum Film beigefügt ist: »Alle Zutaten sind vorhanden, um es geschehen zu lassen: Falsche Anschuldigungen, miserable Gerichtsprozesse, korrupte Richter – und vor allem die sozialen Medien, die ohne fairen Prozess oder das Recht auf Revision verurteilen und verdammen.«

Annie Bronner