Deutschland 2018

Regie & Buch: Gerd Kroske
Bildgestaltung: Susanne Schüle, Anne Misselwitz
Montage: Olaf Voigtländer, Stephan Krumbiegel
Produktion: Fritz Hartthaler
Mitwirkende: Michael Schwarz, Lutz Taufer, Carmen Roll, Ewald Goerlich, Dieter Berberich, Karl-Heinz Dellwo, Hans G. Pache

115 Minuten

FSK ab 6

Deutsche Originalfassung



Villingen
Mittwoch, 13. Februar 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
SPK Komplex

Über das SPK – das „Sozialistische Patientenkollektiv“, welches sich 1970 in Heidelberg gründete, lag vieles lange im Dunkel. So auch für mich, der ich diesem ominösen Akronym erstmals Ende der 80er Jahre begegnete, als sich eine australische Punk-Band von Psychiatrie-Patienten dieses Namens bediente. Damals war es praktisch unmöglich, mehr über die Geschichte und Wirkung dieser Gruppierung zu erfahren, die kaum mehr als ein Jahr existierte, aber offensichtlich seinerzeit eine gewaltige Wirkung auslöste. Ein wenig lichtet Gerd Kroskes Dokumentarfilm nun dieses Dunkel.

Gut 50 Psychiatriepatienten des Heidelberger Universitätsklinikums, einige Pfleger und Ärzte gründeten das SPK im März 1970 als Reaktion auf die Entlassung von Dr. med. Wolfgang Köhler, der damit auch zur zentralen Figur des SPK wurde. Köhler, der seine Laufbahn 1961 als Assistenzarzt an der Heidelberger Psychiatrischen Uniklinik begonnen hatte, kritisierte in immer stärkeren Maße die damals übliche Praxis von Zwangsunterbringungen und Elektroschocks. Wegen „Aufhetzung der Patienten“ wurde er schließlich im Februar 1970 entlassen. Nach heftigen Protesten zahlte die Universität Huber allerdings weiterhin sein Gehalt und stellte der Gruppe ein Bürogebäude in der Heidelberger Innenstadt zur Verfügung. Hier schwoll die Gruppe innerhalb weniger Monate auf ca. 500 Patienten an. In dieser gemeinschaftlich organisierten, hierarchielosen Einrichtung ging Huber davon aus, dass psychisches Leiden vor allem als politisches Phänomen zu verstehen sei, als Folge eines von Zwang und Unterdrückung bestimmten Systems. Folglich könne man dieses Leiden nicht mit herkömmlichen psychiatrischen Methoden heilen, sondern vor allem durch politische Interventionen und „Bewusstmachung“. Für das SPK waren psychische Erkrankungen vor allem die Folge eines kranken Gesellschaftssystems. Gegen dieses wollten seine Mitglieder „aus der Krankheit eine Waffe machen“ (so der Titel einer der ersten Publikationen des Kollektivs).
Im  Sommer 1971 gerieten einige Mitglieder des SPK in den Verdacht, die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) zu unterstützen, durch den Suizid eines Patienten geriet das SPK zusätzlich in öffentlichen Misskredit. Es kam zu Polizeirazzien bei denen gefälschte Ausweispapiere und eine Schusswaffe gefunden wurden. Mehrere Mitglieder des SPK, darunter auch Dr. Köhler und seine Frau wurden schließlich zu mehrjährigen Haftstrafen wegen „Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung“ verurteilt. Das SPK löste sich bereits im Juli 1971 wieder auf  und sprach von einem "strategischen Rückzug". Einige ehemalige Mitglieder des SPK beteiligten sich 1975 an der Geiselnahme der RAF in der deutschen Botschaft in Stockholm. Wolfgang Köhler war in Stammheim im selben Zellentrakt inhaftiert wie Baader, Ensslin und Meinhof, wurde von diesen jedoch kategorisch gemieden.

Mehrere Jahre hat Gerd Kroske die Ereignisse und erhaltenen Dokumente rund um das SPK recherchiert und Gespräche mit ehemaligen Beteiligten geführt. Daraus ist nun dieser Dokumentarfilm entstanden. Und SPK Komplex ist ein Dokumentarfilm im wahrsten Sinne des Wortes. Er dokumentiert ohne zu erklären oder zu werten und hebt sich damit auf wohltuende Weise von den typischen Fernseh-Dokumentationen ab, die in der Regel als „Erklärfilme“ auftreten. Die von Kroske gewählte Form mag manchen Zuschauer anfänglich irritieren, verlangt sie ihm doch einiges ab. So verzichtet er beispielsweise auf die üblichen „Bauchbinden“, mit denen Namen und Funktionen von Interviewpartnern eingeblendet werden. So werden einzelne Aussagen nicht sofort in Schubladen gesteckt, sondern der Zuschauer ist selbst gefordert, diese in einen Kontext zu stellen – eine Technik, die den Film überaus spannend macht.
Die psychiatrische Reformbewegung, aus welcher das SPK entstand, und seine Bedeutung für die Anti-Psychiatriebewegung der 70er Jahre kommen dabei zwar manchmal etwas kurz, deutlich wird aber der öffentliche Druck auf derartige damalige Reformbewegungen, die daraus resultierende Radikalisierung sowie der Verfolgungseifer der Behörden, der diesen Teufelskreis immer schneller und panischer (auf beiden Seiten) rotieren ließ. Damit wird die kurze Geschichte des SPK zu einer paradigmatischen Episode der damaligen Bundesrepublik.

Richard Hehn