Japan 2018

Regie: Hirokazu Koreeda
Drehbuch: Hirokazu Koreeda
Produktion: Matsuzaki Kaoru, Yose Akihiko, Taguchi Hijiri Musik Haruomi Hosono
Bildgestaltung: Kondo Ryuto
Montage Hirokazu Kore-eda
Darsteller: Kirin Kiki, Lily Franky, Sakura Andō, Mayu Matsuoka, Jyo Kairi, Miyu Sasaki, Sōsuke Ikematsu, Chizuru Ikewaki

121 Minuten

FSK: ab 12

Festival & Preise
Cannes 2018: Goldene Palme

Original (Japanisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 15. Mai 2019
17:00 Uhr (DF)
20:15 Uhr (OmU)
Donaueschingen
Montag, 13. Mai 2019
20:00 Uhr
万引き家族
Shoplifters – Familienbande

Dass Japan und die japanische Gesellschaft nicht so durchorganisiert und statisch sind, wie es die meisten Westeuropäer klischeehaft angenommen haben, zeigten die Berichte über die Katastrophe von Fukushima und deren Folgen, aber auch der Blick in die japanischen Wirtschaftsdaten der letzten 20 Jahre. Japan ist immer noch eine der führenden Wirtschaftsmächte, aber es gibt wirtschaftliche und gesellschaftliche Verwerfungen, die dem Klischeebild widersprechen.

Und genau das zeigt Shoplifters – Familienbande.

Hirokazu Koreedas zentrales Thema ist das Kindsein, das Familienleben, die gesellschaftlichen und familiären Strukturen in einem auf wirtschaftlichem Erfolg und festen Regeln aufgebauten kapitalistischen und hierarchisch geordneten Staat. Seit über 20 Jahren beschäftigen ihn diese Themen: Z.B. Nobody knows aus dem Jahr 2004 handelt von vier Kindern, die von ihrer Mutter verlassen werden und sich selbst versorgen müssen, in dem Drama Still Walking aus dem Jahr 2008 geht es um einen Tag, an dem zwei Geschwister mit ihren Familien die Eltern besuchen, zum Gedenken an den vor 15 Jahren verstorbenen Bruder, und der Film von 2015 Unsere kleine Schwester erzählt von drei Schwestern, die nach dem Tod des Vaters von einer weiteren Halbschwester erfahren, die sie kennenlernen möchten.

Shoplifters – Familienbande erzählt von einer Familie, die im Stadtgebiet von Tokyo in einem winzigen Haus lebt und nur mit Mühe ihren Alltag meistern und sich ernähren und kleiden kann: Da es für die Eltern kaum Arbeit gibt, halten sie sich mit Ladendiebstählen, bei denen der zehnjährige Sohn mitmacht, und kleinen Betrügereien irgendwie über Wasser, die Tochter steuert mit Nackttanz etwas Geld bei, das einzige regelmäßige Einkommen ist die Witwenrente der Großmutter. Als die Eltern bei einem Diebeszug ein auf den Balkon ausgesperrtes und frierendes fünfjähriges Mädchen finden, nehmen sie es mit nach Hause und versorgen es. Und dann wollen sie es wieder zurückbringen, aber sie hören zufällig den Streit der Eltern des Mädchens und beschließen, es in die Familie aufzunehmen.

Im Laufe des Films stellt sich heraus, dass alle Familienmitglieder nicht wirklich verwandt sind, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Fürsorge nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun haben. Die Eltern des Mädchens reagieren kaum auf das Verschwinden ihrer Tochter, die auch Brandmale und blaue Stellen am Arm hat.

Am Ende geht dann doch alles wieder seinen gesellschaftlich vorgeschriebenen Gang, es gibt polizeiliche Ermittlungen und Gefängnisstrafen für die Patchwork-Familie, das kleine Mädchen muss zurück zu den Eltern, die sie behandeln wie zuvor.

Was macht einen zu Eltern? Was ist der Wert und Sinn der Familie? Koreeda gibt darauf die Antwort, dass es nicht ein Automatismus sein könne, es nicht die Gene und die Abstammung allein sein könnten, sondern etwas, was jeden Tag neu geschaffen werden müsse, durch Zuneigung und gegenseitige Hilfe und Vertrauen.

Der Film ist trotz des schwierigen Themas voller Poesie und Leichtigkeit, oft sogar humorvoll und witzig.

Gerhard Kiefer