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Das Kino ein zweites Mal erfinden: NeorealismusDas Kino ein zweites Mal erfinden: NeorealismusDas Kino ein zweites Mal erfinden: Neorealismus
Guckloch Filmgeschichte(n)
Das Kino ein zweites Mal erfinden: Neorealismus

Kaum eine Epoche der Filmgeschichte fand in den vergangenen Serien der „guckloch Filmgeschichte(n)“ so häufig Erwähnung wie der italienische Neorealismus der Jahre 1943 – 1950.
Dies ist nicht sonderlich verwunderlich, denn auch wenn es sich hier um eine recht kurze Zeitspanne und nur einige wenige Filme von gerade mal einem knappen Dutzend Filmemacher handelt, hat diese Schule, welche erst einige Jahre später unter dem Stichwort „italienischer Neorealismus“ subsumiert werden sollte, die Filmästhetik bis heute so nachhaltig beeinflusst, wie kaum eine andere. Es wird also dringend Zeit, sich in unserer halbjährlichen Filmgeschichtsreihe endlich einmal näher mit dieser Epoche auseinanderzusetzen.

 

Wenn Sie das Programmheft durchblättern in welchem Sie jetzt gerade diesen Text lesen, werden Sie darin kaum einen Film finden, der nicht in der einen oder anderen Form auch ein bisschen das Erbe des Neorealismus in sich trägt. Manche vielleicht nur ein kleines Fünkchen, aber kaum ein Film den wir heutzutage hier im Guckloch-Kino zeigen, wäre ohne die Arbeiten einiger italienischer Filmtheoretiker und Regisseure vor mehr als 70 Jahren denkbar. Wenn der deutsche Filmhistoriker Lorenz Engell schreibt, der Neorealismus sei angetreten mit dem Ziel, »die Filmgeschichte ein zweites Mal bei Null beginnen zu lassen«, greift diese Einschätzung sicher nicht zu kurz. Der italienische Neorealismus stellt einen zweiten Urknall in der Filmgeschichte dar. Zu gründlich revolutionierte er nicht nur die Ästhetik des Kinos, sondern vor allem auch die gesamte Grammatik der „Sprache“ des Mediums Film.

 

Doch wie konnte es dazu kommen, dass eine der prägendsten Neuerungen der Filmgeschichte ausgerechnet im Italien der 1940er-Jahre entstehen konnte? Einem Land, in dem die Spuren eines faschistischen Regimes und der Schlachten des 2. Weltkriegs noch deutlich zu spüren waren? Insbesondere in den beiden Jahren 1945 und 1946 entstanden hier buchstäblich zwischen Trümmern einige der wegweisendsten Werke der Filmgeschichte wie beispielsweise Roberto Rossellinis Paisà (1946). Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen lagen die Voraussetzungen für diese Erneuerungen des Kinos gewissermaßen in der Luft – nicht nur in Italien. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass Manoel de Oliveira bereits 1940/41 in Portugal Filme in einem neorealistischen Stil drehte. Doch de Oliveira blieb ein Einzelfall und seine damaligen Filme kamen kaum über Portugal hinaus. In Italien fand die neu aufkeimende Filmästhetik hingegen einen überaus fruchtbaren Boden. Unter anderem auch deswegen, weil es in Italien Filmwissenschaftler gab, welche den Regisseuren einen theoretischen Unterbau liefern konnten. Anders als in Deutschland hatte das faschistische Regime unter Mussolini das intellektuelle und künstlerische Milieu nicht komplett zerstört. So konnte Umberto Barbaro, ein erklärter Antifaschist, relativ unbehelligt am Centro Sperimentale di Cinematografia, der italienischen Filmhochschule in Rom unterrichten. 1942 veröffentlichte er in der Filmzeitschrift Bianco e Nero einen theoretischen Text, der als das Gründungsmanifest des Neorealismus verstanden werden darf. Neben Barbaro muss aber auch Cesare Zavattini genannt werden, der sich nicht nur intensiv mit der Theorie des Neorealismus beschäftigte und immer wieder darüber schrieb, sondern auch als Dramatiker an einigen Drehbüchern neorealistischer Filme mitwirkte – z.B Ladri di biciclette (Vittorio de Sica, 1948), für den er die „story“ entwickelte. Bis zu seinem Tod 1989 entstanden mehr als 100 Filme, die ihn als Autor aufführen. Bereits 1940 schrieb Zavattini: »Ich denke an einen Film über Dienstboten, ich möchte ihren Gesichtspunkt gebrauchen und unser Bürgertum vollkommen durchschauen. […] Es tobt der Kampf mit dem Bürgertum, aber der Film nimmt daran immer noch nicht teil.« Dass derart klassenkämpferische Parolen auch unter Mussolini ungestraft veröffentlicht werden konnten – wenn auch nur in einer Filmzeitschrift – ist bezeichnend für den italienischen Faschismus.

 

So stand, als das Regime 1942 zusammenbrach und Mussolini in Richtung Norden flüchtete, eine junge Generation von antifaschistischen Cineasten bereit, in Italien nicht nur das Kino neu zu erfinden. Doch dieser Frühling sollte nicht lange dauern. Bereits wenige Jahre später sollte sich zeigen, dass der italienische Neorealismus in seiner Reinform eigentlich einen ästhetischen Widerspruch in sich selbst darstellte und seinen filmtheoretischen Grundlagen unmöglich gerecht werden konnte. Der italienische Neorealismus blieb ein Abenteuer, ein Experiment über den Widerspruch von Film und Realität – aber sein Echo ist bis heute im Kino zu spüren. In diesem Herbst wollen wir es wieder auf die große Leinwand bringen und über die vielen Geschichten, die damit verbunden sind, sprechen.

 

Richard Hehn