Kanada 2017

Regie und Buch: Denis Côté
Kamera: François Messier-Rheault
Schnitt: Nicolas Roy
Produktion: Joëlle Bertossa, Jeanne Marie Poulain, Dounia Sichov
Mitwirkende: Jean-François Bouchard, Cédric Doyon, Benoit Lapierre, Maxim Lemire, Alexis Légaré, Ronald Yang

85 Minuten

FSK: keine Bewertung

Festivals:
Locarno 2017

Original (Französisch, Englisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 11. September 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
Ta peau si lisse
A Skin so soft

»Maskulinität und Narzissmus sind überall. Diese Mischung wird angetrieben von Gefühlen der Überlegenheit und Unterlegenheit, die in einer Person zusammenprallen.«
Denis Côté

In seinem jüngsten Dokumentarfilm beschäftigt sich Denis Côté mit Muskelmännern. Er filmt Bodybuilder und Kraftsportler. Doch wer sich dabei eine Einführung in die Bodybuilder-Szene erhofft, sei bereits hier auf einschlägige YouTube-Filmchen verwiesen. Wer genau dieses befürchtet, dem/der sei die Besichtigung dieses Films besonders angeraten. In Ta peau si lisse beobachtet Côté sechs Männer in ihrem Alltag, beim Training, in ihrem Privat- und Familienleben etc. Nichts wird dabei erklärt, nichts wird kommentiert. Es gibt keinen Off-Komentar, keine Interviews.

Dies erinnert natürlich stark an Côtés Aufsehen-erregenden Film Bestiaire (2012). Damals filmte er in langen Einstellungen Zootiere in ihren Käfigen. Damals sagte Côté, er wolle in einem Film Tiere zeigen, als das, was sie sind – Tiere. Denn zumeist würden Tiere im Film – auch im Dokumentarfilm – vermenschlicht. Weitere Vergleiche weist er jedoch zurück: »Es wäre für mich sehr gefährlich, wenn ich beginnen würde, Menschen mit Tieren zu vergleichen. Aber natürlich ist das alles eine Frage von Abstand, Empathie und Respekt. Meine Kamera ist in eine Gesellschaft eingeladen, in einen persönlichen Raum und ich trage eine Verantwortung. In Bestiaire war ich ein Eindringling, in Ta peau si lisse bin ich Gast.«

Und in der Tat sind es Distanz, Empathie und Respekt, die diesen Film prägen. Die Protagonisten sind keine Stars der Bodybuilder-Szene, eher ambitionierte Amateure in unterschiedlichen Stadien ihrer Karriere. Die Kamera bleibt immer stiller Beobachter, auch wenn sie manchmal in extremer Nähe über diese Körper streift. Denn dies ist vielleicht Côtés größte Leistung: Er filmt vorurteilsfrei und legt uns dadurch nahe, ebenso vorurteilsfrei zu beobachten. Erst dadurch wird schließlich ein Blick frei, der die Kraft dieser Körper ebenso zeigt wie ihre Verletzlichkeit. So führt uns Ta peau si lisse schließlich dazu, uns ganz andere Fragen über Körperlichkeit, über Männlichkeit zu stellen, als jene, die uns bei diesem Thema als erstes in den Sinn kämen.

Richard Hehn