UK/CAN/USA 2018

Regie: Jon S. Baird
Drehbuch: Jeff Pope, A. J. Marriot
Musik: Rolfe Kent Kamera: Laurie Rose
Schnitt: Úna Ní Dhonghaíle, Billy Sneddon
Produktion: Faye Ward (Entertainment One, BBC Films, Baby Cow Films)
Darsteller: Steve Coogan, John C. Reilly, Shirley Henderson, Nina Arianda

98 Minuten

OmU

FSK: ab 0

Original (Englisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 11. Dezember 2019
17:00 Uhr (DF)
20:15 Uhr (OmU)
Donaueschingen
Montag, 09. Dezember 2019
20:15 Uhr
Stan & Ollie

Stan und Ollie – zwei Vornamen – mehr braucht es in diesem Filmtitel nicht, um jedem Zuschauer sofort deutlich zu machen, um welche beiden Personen es sich hier handelt. So eng sind die beiden Namen des wohl bekanntesten Komiker-Duos der Filmgeschichte verbunden, dass der eine kaum ohne den anderen denkbar ist: Stan Laurel und Oliver Hardy (die in Deutschland allerdings lange unter dem etwas entwürdigenden Namen „Dick und Doof“ bekannt waren).

Und damit sind wir auch schon mitten im Thema dieses Films. Stan & Ollie erlaubt uns einen Blick in das Innenleben dieses von außen fast symbiotisch erscheinenden Künstlerpaars, welches jedoch von innen betrachtet aus zwei grundverschiedenen Persönlichkeiten bestand. Und zum zweiten ist dieser Film eine überaus würdevolle Verbeugung vor diesem kongenialen Duo. Dass dieser Film in deutschen Kinos heute noch unter dem Titel „Dick & Doof“ gezeigt werden könnte, ist schlichtweg nicht mehr vorstellbar. Stan & Ollie ist ein Film über Würde. Stan & Ollie ist ein Film über Partnerschaft.

 

Also eben einfach nur Stan & Ollie. Nicht etwa „Laurel & Hardy“. Denn in diesem Biopic geht es nicht so sehr darum, die Karriere der beiden Komiker nachzuerzählen, sondern darum, die Menschen hinter den Figuren, die sie für mehrere Jahrzehnte verkörperten, sichtbar werden zu lassen. Daher beschränkt sich der Film auch auf zwei Episoden aus ihrem Leben. Die erste davon besteht vor allem aus einer einzigen, mehr als neun Minuten langen Einstellung. 1937, auf der Höhe ihres Ruhmes, laufen die beiden durch das weitläufige Gelände der Hal-Roach-Studios. Ein Weg, der fast wie ein Triumphzug inszeniert ist und sie schließlich ans Set von Way Out West führt, wo sie die berühmte Tanzszene vor dem Saloon drehen. Doch dunkle Wolken zeichnen sich bereits ab. Way Out West sollte einer der letzten Filme werden, den sie für Hal Roach drehten, jenen Produzenten, der das Duo 1927 zusammengebracht hatte und für den sie in fast hundert Filmen gemeinsam vor der Kamera standen.

Schnitt. 1953. Der Glanz vergangener Tage ist längst verblasst. Von den Filmen, die das Duo seit ihrem Abschied von Hal Roach drehte, waren die wenigsten wirklich erfolgreich. Darüber hinaus haben mehrere gescheiterte Ehen (bei beiden) und eine ausgeprägte Spielleidenschaft (bei Hardy) die finanziellen Mittel schwinden lassen. Engagiert von einem drittklassigen Impresario touren die beiden durch die englische Provinz und spielen die Sketche aus ihren alten Filmerfolgen auf der Bühne. Die Hotels sind schäbig, die kleinen Theater nur spärlich besucht. Spätestens jetzt wäre ein aus tiefem Herzen kommendes „Now that‘s another nice mess you got us into!“ angebracht. Aber die beiden alten Zirkuspferde ertragen all das stoisch und träumen davon, bald wieder für ein großes Filmprojekt vor der Kamera zu stehen. Nachts, allein, tippt Stan das Drehbuch in seine alte Reiseschreibmaschine. Zudem belasten die Umstände ihres Abschieds von Hal Roach immer noch die Freundschaft der beiden und führen zu gelegentlichen galligen Schuldzuweisungen. Sie sind ein altes Paar geworden, das weder miteinander noch ohne einander kann. Nur wenn sie gemeinsam auf der Bühne stehen, wirkt die alte Magie noch. Doch dann gelingt es den beiden, das Blatt noch ein letztes Mal zu wenden – für einen hohen Preis: Oliver Hardys Gesundheit.

Regisseur Jon S. Baird erliegt nicht der Versuchung, eine Slapstick-Komödie zu drehen, denn ein solches Unterfangen wäre auch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die wenigen Slapstick-Momente streut er als Hommagen ein, lieber erweist er den Gags seiner Protagonisten eine Verbeugung in Form einer Screwball-Referenz. Stan & Ollie ist ein Film, den eine melancholische Grundnote durchzieht – aber mit einer überaus heiteren Melodie. Stan & Ollie ist ein Film über die Berufsfreundschaft zweier alter Männer, die mehr Zeit miteinander verbracht haben, als mit ihren jeweiligen Ehefrauen. Zwei Ehefrauen übrigens, die, als sie in der zweiten Hälfte des Film zum Abschluss der Tournee in London auftauchen, zu einem komischen Duo eigenen Rechts werden, wenn sie den Slapstick ihrer Gatten mit perfekter Screwball-Komik ergänzen und konterkarieren. Ein kleines, aber feines Detail über das Aus-der-Zeit-gefallen-Sein der beiden Hauptfiguren.

Vor allem aber ist Stan & Ollie ein großartiger Schauspieler-Film. Steve Coogan (ein Brite, wie Stan Laurel) und John C. Reilly (ein Amerikaner, wie Oliver Hardy) sind eine Traumbesetzung. Dafür, dass sie ihren Rollen auch physisch extrem ähnlich sehen, sorgte ein preiswürdiges Maskenbild. Die Tiefe, die sie ihren Charakteren geben, vor allem aber ihr Zusammenspiel, ist ihr ureigener Verdienst. Es zeugt von einer Dynamik zwischen Coogan und Reilly, die jener zwischen Laurel und Hardy mehr als nur gerecht wird. In jedem Moment dieses Films ist es eine pure Freude, ihnen zuzusehen, wie die Funken zwischen ihnen springen. Stan & Ollie ist ein Film über Handwerk. Über schauspielerisches Handwerk. Über die Kraft, die hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit steckt. Und manchmal auch über den Schmerz.

Stan & Ollie mag zwar nicht 100% historisch und biographisch korrekt sein (beispielsweise waren die Theater-Tourneen der 50er-Jahre in England und Irland von Anfang an ein großer Erfolg) und die Kamera ein bisschen zu wohlfeil nostalgisch sein, aber über solche cineastische Altklugheit hätte Hal Roach wohl nur den Kopf geschüttelt. Schwenk, Fade-out und Abspann. Im Kino gewesen. Gelacht. Geweint.

Richard Hehn