Iran, Frankreich 2021

 

Regie: Maryam Moghadam & Behtash Sanaeeha

Drehbuch: Maryam Moghadam, Behtash Sanaeeha, Mehrdad Kouroshniya

Bildgestaltung: Amin Jafari

Montage: Ata Mehrad, Behtash Sanaeeha

Produktion: Gholamreza Moosavi, Etienne de Ricaud

DarstellerInnen: Maryam Moghadam, Alireza Sani Far, Pouria Rahimi Sam

105 Minuten

FSK: ab 12

Original (Persisch)
mit deutschen Untertiteln



قصیده گاو سفید
Ballade von der weißen Kuh

Das erste und letzte Bild dieses Films sind fast identisch – in der Mitte eines gigantischen Gefängnishofes steht eine weiße Kuh. Ein allegorisches Bild, es bezieht sich auf eine Koran-Sure. Dann verlängert sich das Bild in die Realität der Filmhandlung: Die Protagonistin arbeitet in einer Molkerei, am Fließband ziehen die Milchflaschen an ihr vorbei. Vor einem Jahr hat sie ihren Mann verloren, er wurde hingerichtet. Unschuldig, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Mit einer kafkaesken Bürokratie ringt sie um die Möglichkeit einer erbärmlichen finanziellen Entschädigung für den Justizirrtum. Es war „Gottes Wille“, sagt man dort, also: „unzuständig“. Im Sozialamt bettelt sie um Hilfe für ihre gehörlose Tochter, doch als alleinerziehende Mutter wird sie vom System wie eine Aussätzige behandelt. Ihr Schwager hat einen Prozess angestrengt, um das alleinige Sorgerecht für die Nichte zu erringen, denn ohne Mann – geht für eine Frau im Iran gar nichts.
Eines Tages läutet ein Unbekannter an ihrer Tür. Der von der Justiz ermordete Gatte habe ihm einst Geld geliehen, nun möchte er es zurückzahlen. Sie bittet ihn herein. Ein unerwarteter Geldsegen – mit Konsequenzen: Dem Vermieter wird bekannt, sie hätte einen Mann in ihre Wohnung gelassen, mit dem sie nicht verheiratet ist. Kündigung zum nächsten Ersten. Der Verzweiflung nahe, trifft sie den Unbekannten wieder, er bietet Hilfe an, verhilft ihr zu einer besseren, größeren, billigeren Wohnung. Doch dann wechselt der Film die Perspektive, erzählt die Geschichte des unbekannten Wohltäters. Er ist reich. Allein. Geschieden. Vor kurzem ist sein Sohn, der von einer Karriere als Rock-Musiker träumte, an einer Überdosis Heroin gestorben. Und gerade eben erst hat er eine Beförderung in ein höheres Richteramt ausgeschlagen….
Maryam Moghadam und Behtash Sanaeeha sind ein Paar, gemeinsam haben sie das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, sie spielt zudem die weibliche Hauptrolle. Es ist ihr erster gemeinsamer Film.
Wäre da nicht das eindeutig iranische Setting, man könnte meinen, Ken Loach hätte Regie geführt, nach einem Buch seines langjährigen Autors Paul Laverty. Teheran und das Londoner East-End sind Welten entfernt. Menschliche Dramen kennen keine Grenzen.

Richard Hehn
Villingen
Montag, 04. Juli 2022
20:15 Uhr
Montag, 04. Juli 2022
20:00 Uhr