USA / UK 2020

 

Regie: Jerry Rothwell

Buchvorlage: Naoki Higashida

Bildgestaltung: Ruben Woodin Dechamps

Montage: David Charap

Musik: Nainita Desai

Produktion: BFI Film Fund, Met Film Production

Mitwirkende: Joss Dear, Amrit Khurana, Jestina Penn-Timity, Emma Budway, Benjamin McGann

 

82 Minuten

FSK: ab 6

 

Festivals & Preise
Sundance 2020: Publikumspreis Dokumentarfilm

Original (Englisch u. a.)
mit deutschen Untertiteln



The Reason I Jump
Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann

2007 erschien in Japan ein Buch, welches wenige Jahre später, als es unter dem Titel The Reason I Jump in einer englischen Übersetzung erschien, die Vorstellungen von – und den Umgang mit Autismus – radikal verändern sollte. Geschrieben hatte es ein hochbegabter autistischer Teenager, der in seinem ganzen Leben nie ein Wort gesprochen hat. Der 13-jährige Naoki Higashida beschrieb darin in einer höchst poetischen Sprache wie er die Welt wahrnimmt und warum es ihm unmöglich ist, zu sprechen. Er schildert aber auch seine Beobachtungen der vermeintlich „normalen“ Menschen und seine Vermutungen über diese.

Der Dokumentarfilm von Jerry Rothwell ist keine „Verfilmung“ dieses Buches, auch wenn er manchmal so beschrieben ist, vielmehr ist es ein Film mit dem Buch, über das Buch von Naoki Higashida. Eine Reise zu nonverbalen autistischen Teenagern auf vier Kontinenten – in den USA, England, Sierra Leone und Indien – und ihren, manchmal überforderten Eltern. Dabei hören wir immer wieder Zitate aus dem Buch von Naoki Higashida und dem Film gelingt das Kunststück, mithilfe von Kamera- Schnitt- und Tontechnik immer wieder in die Weltwahrnehmung seiner autistischen Protagonisten einzutauchen.

Die Erkenntnisse aus The Reason I Jump (dem Buch) ermöglichten es aber auch, in eine Kommunikation mit nonverbalen Autisten einzutreten, was bis dahin als unmöglich galt und dadurch auch die Pädagogik grundlegend änderte. In einer Szene des Films erleben wir Ben und Emma beim Geschichtsunterricht – etwas, das noch ein Jahrzehnt zuvor unvorstellbar war.

The Reason I Jump eröffnet einen Assoziationsraum, der uns über vieles nachdenken lässt, nicht zuletzt über unsere eigene Welt- und Filmwahrnehmung. Es ist einer jener Dokumentarfilme, die auf die große Kinoleinwand gehören und noch lange nachwirken, denn manchmal scheint es, als eröffne der Film weitaus mehr Fragen als er in gut 80 Minuten beantworten kann. Er ist ein Anfang – im besten Sinne. »Ich glaube, wir können die Diskussion über Autismus verändern, indem wir Teil dieser Diskussion werden« sagt der 17-jährige Ben im Film. Nein, er „sagt“ es natürlich nicht, aber er hat heute Mittel und Wege, es auszudrücken. Denn vor 15 Jahren hat ein japanischer Teenager tatsächlich die Welt verändert.

Richard Hehn
Villingen
Mittwoch, 24. August 2022
20:15 Uhr
keine Vorstellung