Im vergangenen Jahr wäre der französische Chansonnier Charles Aznavour, im Alter von 94 Jahren gestorben, 100 Jahre alt geworden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich hat Aznavour in meiner Jugend eine lange Zeit begleitet. Ich hörte seine Lieder beim nachmittäglichen Hausaufgabenmachen, bei den ersten „Stehblues“-Erfahrungen in einer Villinger Diskothek, und aus dem Cassettenrecorder bei den Autofahrten mit der ersten eigenen „Ente“ – immer war da diese raue, fremde Stimme, die mich aufhorchen ließ und die Sehnsucht schürte nach einem damals mir noch weitgehend unbekannten Frankreich.
Erzählt in fünf Kapiteln, die jeweils nach einem seiner Lieder benannt sind und einen Lebensabschnitt behandeln, stellt Monsieur Aznavour den Künstler als Menschen mit großer Willenskraft dar. Aznavour wurde als Kind armenischer Einwanderer im Exil geboren. Sein Vater betrieb ein Lokal im Quartier Latin in Paris, ein fröhlicher Mensch, der viel gesungen hat und seine Familie animierte, auch in dem Lokal zur Unterhaltung der Gäste zu singen und zu tanzen. Die Tragik ihres Lebens, dass die Armenier aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, dass es einen Völkermord gab (den die Türkei bis heute leugnet), machen die Regisseure bei einer Tanzszene deutlich, die mit Archivmaterial vom Exodus parallel montiert wird.
Den beiden Regisseuren Grand Corps Malade (bürgerlich: Fabien Marsaud) und Mehdi Idir geht es in diesem Spielfilm nicht darum, Schattenseiten eines Künstlers aufzudecken. Sie sind, das spürt man, große Bewunderer von Charles Aznavour, hatten das Biopic auch schon vor seinem Tod 2018 gemeinsam mit ihm geplant. Sie legen den Schwerpunkt ihres Films auf die Anfänge von Aznavours Karriere. Erzählen, wie Charles mit einem Freund, dem Pianisten Pierre Roche, auf Fahrrädern zu Auftritten im ganzen Land fährt. Wie ihn bei einem der Auftritte Edith Piaf entdeckt und in ihr Vorprogramm aufnimmt. Wie dies seine Karriere beschleunigt, er aber immer wieder auch mit Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft konfrontiert wird. Und wie am Ende der Ruhm auch Einsamkeit mit sich bringen kann.
Charles Aznavour hat in seinem Leben mehr als 1000 Chansons selbst geschrieben. In Monsieur Aznavour sind einige davon zu hören, bekannte und auch unbekanntere, gesungen von Tahar Rahim, der Aznavour im Film verkörpert und sich als kongenialer Interpret erweist.