Der acht-jährige Yin-Yin fotografiert die Hinterköpfe seiner Mitmenschen – um die Fotos dann den Porträtierten zu schenken: Denn nur auf diese Weise könnten sie diesen Teil ihrer selbst sehen, könnten sehen, was ihnen sonst für immer verborgen bliebe.
Eine Erkenntnis, welche auch schon perfekt die Philosophie von Edward Yangs Film beschreibt. Fast 3 Stunden lang erzählt der Film von den Irrungen und Wirrungen einer drei Generationen umfassenden Mittelstandsfamilie im Taipeh der 90er Jahre. Ein absolut liebenswertes und humorvolles Chaos entfaltet sich hier. Es beginnt mit einer Hochzeitsfeier und endet wenige Wochen später mit einem Begräbnis. Dazwischen: Familienvater N. J. begegnet zufälligerweise im Aufzug seiner Jugendliebe und fällt in eine Sinnkrise. Gleichzeitig muss er für seine Firma ein wichtiges Geschäft mit einem japanischen Geschäftspartner abschließen. Seine Frau hadert sowieso mit ihren diversen Lebenskrisen. Teenager-Tochter Ting-Ting landet frisch verliebt in einer Dreiecksbeziehung. Und das ist alles erst der Anfang …
Der Titel ist ein chinesisches Wortspiel: Das Zeichen für die Zahl Eins (Yi) ist ein waagerechter Strich, – – bedeutet also Eins (und) Eins. Das Zeichen für die Zahl Zwei besteht aus zwei Strichen, der Titel kann also auch so gelesen werden, vor allem wenn man von oben nach unten schreibt. Und in Yi Yi ist man niemals alleine.
Yi Yi ist der bekannteste und höchst ausgezeichnete Film des taiwanesischen Regisseurs Edward Yang (1947- 2007). Es ist leider auch sein letzter vollendeter Film geblieben. Von der französischen Zeitschrift Cahiers du cinema wurde der Film unter die 10 besten Filme der 2000er Jahre gewählt. Für die britische BBC gehört er sogar zu den 10 wichtigsten Filmen des 21. Jahrhunderts. Im Guckloch haben wir den Film bereits im Herbst 2002 gezeigt.
Warum man eigentlich ins Kino geht, wird in Yi Yi einmal gefragt, und die Antwort ist ganz einfach: Weil man durch das Kino quasi doppelt leben kann.