In einer Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Harz hat der Regisseur Sascha Hilper diesen doku-fiktionalen Film gedreht. Die behandelnden Ärzte und das Pflegepersonal sind real, die beiden Patienten Nina und Henri, beide in der Lebensmitte, werden von zwei Schauspielern verkörpert. Ihre Rollen sind das Destillat der Erschöpfungssymptome, unter denen viele Menschen heute leiden.
Nina ist Managerin in einer Werbeagentur. Sie hat für die Karriere ihre Ehe geopfert und trägt schwer an dem Schuldgefühl, ihren Sohn, jetzt 20-jährig und seit der Trennung beim Vater lebend, vernachlässigt zu haben. Jüngere Kolleginnen versuchen zudem, sie von ihrem Platz zu verdrängen. Auf der Fahrt zu einem Kunden hat sie eine Panikattacke erlebt. Henri wurde als Kind von seinem Vater ständig überfordert. Er leidet an Versagensängsten, hat deshalb ein Studium abgebrochen und bei der Arbeit als Betreuer in einer Behindertenwerkstatt die Kontrolle über sich verloren.
Als Zuschauer begleiten wir die beiden Patienten bei ihrer Therapie. Stück für Stück setzt sich das Mosaik zweier Menschen in existentieller Not zusammen. Wird es ihnen gelingen, wieder zu sich und einen Ausweg aus der Krise zu finden?
Ein weiterer Hauptdarsteller sind in diesem Film die Klinikgebäude selbst. Um 1900 in Holzbauweise erstellt, gelten die großzügigen Villen heute als eines der bedeutenden Jugendstil-Ensembles in Deutschland. Die ornament- und floralgemusterten Tapeten, die historischen Möbel und Leuchten sind ohne große Veränderungen erhalten geblieben. Das Interieur macht den Film auch visuell ansprechend. Auf einer dritten Ebene forscht eine Kulturhistorikerin nach der Geschichte des Sanatoriums: Früher sprach man von „Neurasthenie“, heute von Burn-Out, für Regisseur Sascha Hilpert ist es die „soziale Pathologie kapitalistischer Arbeitsverhältnisse“.
Wie aktuell die Thematik des Films ist, zeigte Ende vergangenen Jahres eine zusammenfassende Studie des „Instituts der Deutschen Wirtschaft“. Es bezifferte die Kosten psychischer Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung auf 150 Milliarden Euro jährlich.