Mit seinem fünften Langfilm hat İlker Çatak (Das Lehrerzimmer, 2023; Es war einmal Indianerland, 2017) erstmals einen Film komplett in türkischer Sprache gedreht. Gedreht wurde die Handlung, welche in der Türkei spielt, jedoch in Deutschland – Berlin und Hamburg werden quasi als Ankara und Istanbul „gecastet“.
Derya und Aziz gehören zum linksliberalen Bildungsbürgertum in Ankara, sie ist gefeierte Schauspielerin am Staatstheater, er Literaturprofessor an der Universität. Doch bereits am Tag nach der Premiere wird das Stück, welches von ihm verfasst wurde und in dem sie die Hauptrolle spielt, abgesetzt. Beide erhalten in den nächsten Tagen „gelbe Briefe“ – die typischen Kündigungsschreiben, mit welchen staatliche Stellen politisch missliebiges Personal beseitigen.
Das Konzept von Gelbe Briefe entwickelte Çatak bereits 2019, das fertige Drehbuch konnte er gemeinsam mit seinem langjährigen Produzenten Ingo Fliess 2022 auf dem EFM (die der Berlinale angeschlossene Filmmesse) vorstellen. Doch erst durch den internationalen Erfolg von Das Lehrerzimmer gelang auch die Finanzierung von Gelbe Briefe. Das Angebot, stattdessen eine große Hollywood-Produktion zu inszenieren, schlug Çatak aus.
Plötzlich ohne festes Einkommen bleibt dem Paar zusammen mit der renitenten, pubertierenden Tochter nur der Umzug in die kleine Wohnung von Aziz Mutter in Istanbul. Die finanzielle Krise lässt die bis vor kurzem noch sehr glückliche Familie zunehmend dünnhäutiger werden. Derya flüchtet sich in Opportunismus und nimmt eine Rolle in einer Seifenoper bei einem regimetreuen Sender an. Aziz will seinen Überzeugungen treu bleiben und fährt nachts Taxi. Dass sich der einstmals überaus liberale Professor nun in einen immer autoritärer wütenden Patriarchen verwandelt, merkt er selbst als letzter.
Dass sich der Film auf die politische Entwicklung der Türkei in den letzten Jahren bezieht, ist klar. Aber indem Çatak die Schauplätze nach Deutschland verlegt, erreicht er er einen Brechtschen Verfremdungseffekt – und Gelbe Briefe wird zu einer allgemeinen Parabel über die Vergiftung des Privaten durch das Politische.
Deutschland, Türkei, Frankreich 2025
Regie: İlker Çatak
Buch: İlker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen
Kamera: Judith Kaufmann
Schnitt: Gesa Jäger
Musik: Marvin Miller
Produktion: Ingo Fliess
DarstellerInnen: Yusuf Akgün, Özgü Namal, Emre Bakar, Tansu Bicer, Leyla Smyrna Cabas, Kerem Can, Aziz Capkurt
128 Minuten
FSK: ab 12
Festivals & Preise:
Berlinale 2026: Goldener Bär
In Koperation mit CABA
Original (Türkisch)
mit deutschen Untertiteln
Gelbe Briefe
Donaueschingen
Villingen
Montag, 29. Juni 2026
20:00 Uhr
20:00 Uhr
Mittwoch, 06. Mai 2026
17:00 Uhr (deutsch)
17:00 Uhr (deutsch)
20:15 Uhr
(OmU)