Neues persisches Kino

Politisch ist der Iran heute weitgehend isoliert, doch was seine Filmproduktion anbelangt, spielt das Land seit Jahrzehnten in der ersten Liga des Weltkinos. Iranische Filme laufen weltweit auf den renommiertesten Festivals, gewannen und gewinnen Preise.

Wie fast überall in der Welt ist jedoch auch das iranische Kino in zwei Teile gespalten: von den ca. 130 Filmen, die jährlich im Iran entstehen (Stand 2019) ist der größte Teil für ein lokales (meist jugendliches) Publikum zugeschnitten und im Westen praktisch unbekannt. Die international erfolgreichen iranischen „Arthouse-Filme“ hingegen machen nur einen Bruchteil der Filmproduktion aus und sind auch in ihrem Heimatland oft nur einer kleinen, kulturell interessierten Minderheit bekannt.

Die iranische Filmgeschichte reicht mehr als ein Jahrhundert zurück, der älteste bekannte iranische Film datiert aus dem Jahre 1900. Das erste Kino in Teheran öffnete 1904, zum Ende der Stummfilmära waren es bereits 15. Ab diesem Zeitpunkt (etwa 1930) begann auch eine nennenswerte einheimische Filmproduktion. Mitte der 60er-Jahre entstand mit der „neuen iranischen Welle“ ein erster Höhepunkt, 1965 konnte mit Hajir Darioushs Face 75 erstmals ein iranischer Film einen Goldenen Bären auf der Berlinale gewinnen. Aus dieser Bewegung gingen auch die beiden bekanntesten Filmemacher hervor, die das iranische Kino der 80er und 90er Jahre prägen sollten: Abbas Kiarostami und Mohsen Makhmalbaf. Heute wird diese Generation meist als „zweite Welle“ bezeichnet. Vor allem durch Exil-Iraner entstanden zu dieser Zeit auch zahlreiche Verbindungen zwischen der iranischen Neuen Welle und der französischen „nouvelle vague“, die bis heute für eine starke Präsenz des iranischen (und exil-iranischen) Kinos in Frankreich sorgen. Marjane Satrapi (Persepolis, 2007; Huhn mit Pflaumen, 2011) dürfte heute die bekannteste iranische Regisseurin sein, welche in Frankreich arbeitet, die einzige ist sie beileibe nicht.

Mit dem Millennium trat eine neue Generation iranischer Filmemacher – die sogenannte „dritte Welle“ – ins Rampenlicht: Bahman Ghobadi (Zeit der trunkenen Pferde, 2000), Samira Makhmalbaf (Der Apfel, 1998), Jafar Panahi (Taxi Teheran, 2015), Asghar Farhadi (Nader und Simin, 2011) – die Liste ließe sich weiter fortsetzen.

In Deutschland bleibt das iranische Kino weiterhin präsent, es gibt mittlerweile zwei jährliche Festivals, die sich ausschließlich dem persischen Film widmen (in Köln und München). Und drei Goldene Bären für iranische Filme in der Dekade 2010 – 2020 sprechen ebenfalls für sich. Grund genug, den Blick zu schärfen auf Filme die in den vergangenen zwei Jahren aus dem Iran zu uns gekommen sind. Auch wenn die drei Filme, die wir in diesem Sommer zeigen, natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus dieser Kinokultur sind.

Und ja – wenn man über iranisches Kino spricht, muss man natürlich auch über Zensur sprechen. Über Filmemacher, die inhaftiert werden oder mit Arbeitsverboten belegt werden. Über Filme, die internationale Preise gewinnen, aber in ihrem Ursprungsland nicht gezeigt werden dürfen.
Und nein – wir wollen uns dadurch nicht den Blick auf die cineastischen Qualitäten der Filme verstellen lassen. Das Prädikat „VERBOTEN!“ adelt nicht den Film, aber es spricht für das Engagement der Menschen, die diese verbotenen Filme machen. Vom Regisseur, dessen Name auf dem Plakat prangt bis zum namenlosen Kabelträger – sie riskieren alle viel für ihre Liebe zum Kino.

Richard Hehn