Wenn einer eine Reise tut … Bis zur bolivianischen Stadt La Paz ist es eine Strecke von 3000 Kilometer. Und der vermeintliche Taxifahrer Sebastián unternimmt diese Fahrt nicht wirklich gerne. Eigentlich ist er auch gar kein Taxifahrer, doch da sich immer wieder Leute verwählen und dadurch fälschlicherweise an ihn gelangen, macht er sozusagen aus der Not eine Tugend und wird Taxifahrer.

Dadurch bekommt Sebastián den Auftrag des nierenkranken Jalil, der eine Pilgerreise nach La Paz unternehmen möchte. Widerwillig nimmt er den Auftrag an, da der Weg viel zu weit ist, er aber das Geld dringend braucht. Und auf diese Weise setzt sich Sebastián hinter das Steuer und beginnt zusammen mit dem alten Mann die lange Fahrt bis nach Bolivien.

Camino a La Paz (Road to La Paz wie der internationale Titel lautet) ist einerseits ein Roadmovie im klassischen Stil, untermalt von den Bluesklängen der argentinischen Band Vox Dei, andererseits aber, aufgrund seiner besonderen Figurenkonstellation, recht originell. Denn bei Jalil handelt es sich um einen gläubigen Moslem, während Sebastián so gut wie an nichts glaubt. Auf diese Weise entwickelt sich zwischen beiden eine ganz besondere Beziehung.

Sebastián weiß nicht wirklich, was er mit seinem Leben anfangen soll, dagegen hat Jalil das eine spezielle Ziel vor Augen: eben den Pilgerort La Paz. Jalils Lebenserfahrung und spirituelle Weisheit stehen dabei im vollen Kontrast zu Sebastiáns planloser Lebenseinstellung. Jalil versucht daher Sebastián zu helfen, indem er ihm von seinem Glauben erzählt, um ihm dadurch eine Art geistigen Anker zu geben. Großartig gespielt wird Jalil übrigens von Ernesto Suarez, der mit 75 Jahren sein Leinwanddebüt gibt.

Das Debüt des argentinischen Regisseurs Francisco Varone, der davor als Drehbuchautor für diverse Fernsehserien tätig gewesen war, ist ein überaus unterhaltsamer Film, der überraschend leicht über den Sinn des Lebens philosophiert und dabei Tragik und Situationskomik elegant in die Handlung einfließen lässt.

Die Gespräche über Religion und den Sinn des Lebens erfüllen das Universum innerhalb des alten Volvo, mit dem Sebastián hofft, tatsächlich bis nach La Paz zu kommen. Doch versucht Jalil seinen Fahrer keineswegs zu überzeugen, was Glaubensfragen anbelangt. Es bleiben Gespräche über unterschiedliche Weltansichten, wobei sich beide in gewisser Weise als Träumer offenbaren, sei es als Träumer einer besseren Welt, sei es als Träumer auf eine bessere Zukunft.

Dadurch wird der Innenraum des Wagens beinahe zu einem Spiegelbild der argentinischen Gesellschaft. Denn Sebastián hat nicht nur Jalil als Fahrgast. Die Gutmütigkeit des alten Mannes führt dazu, dass die Mitfahrer immer zahlreicher werden. Bespickt mit schönen Landschaftsaufnahmen entsteht daraus ein Film, der voller Witz und Poesie ist, dabei aber auch keineswegs die tragischen Momente außer Acht lässt.

Mit Camino a La Paz hat Fancisco Varone einen sehr schönen und einfühlsamen Film geschaffen, dessen liebevolle Hauptfiguren von Anfang an überzeugen. Der Weg, den beide zurücklegen, könnte ruhig noch länger sein. Ein echtes Filmjuwel aus Argentinien.
Max Pechmann