Die Handlung spielt im kriegsgeschüttelten Damaskus. Die Ehefrau und Mutter Oum Yazan harrt mit ihrem alten Schwiegervater, ihren drei halbwüchsigen Kindern und der Haushaltshilfe in ihrer Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses in einem wahrscheinlich bereits evakuierten Stadtteil aus. Ebenfalls kurzfristig Aufnahme gefunden hat eine ausgebombte junge Nachbarsfamilie mit ihrem Baby sowie der Freund einer der Töchter, der bei einem Besuch von schweren Gefechten überrascht wurde und nun die Lage abwartet. Die Fenster der geräumigen Wohnung zum Innenhof bleiben aus Angst vor Scharfschützen verhangen. Aus der Ferne sind Detonationen oder Helikoptergeräusche zu hören. Die Wasserversorgung ist zusammengebrochen, und der Gang nach draußen, um neues Wasser zu holen ist gefährlich. Strom-, Internet- und Telefonnetz funktionieren nur zeitweise. Der Vater der Familie wird zurückerwartet.

Das junge Paar plant die Flucht in den Libanon. Als der Ehemann für die Vorbereitungen das Haus verlässt, wird er von einem Scharfschützen angeschossen. Es ist unklar, ob er tödlich getroffen wurde. Oum Yazan entscheidet, der jungen Mutter vorerst nichts davon zu erzählen, da sie einen Zusammenbruch befürchtet, der das mühsam aufrecht erhaltene Alltagsleben gefährden würde. Als zwei ungekannte Männer an der Tür um Hilfe bitten, weist die Mutter sie ab, diese verschaffen sich jedoch über den Balkon Zutritt in die verrammelte Wohnung. Die Familie verschanzt sich daraufhin in der Küche, die junge Mutter schafft dies nicht mehr dorthin und wird vom Älteren der beiden Männer vergewaltigt und die Familie in der Küche wird unfreiwillig zu Ohrenzeugen des Verbrechens. Die Männer verlassen danach das Haus. Die junge Mutter hat einen schweren Schock erlitten.

Als sie am späten Abend auch noch erfährt, dass ihr Mann erschossen im Hof liegt, reißt sie die Vorhänge von den Fenstern und will sich erschießen lassen. Die Familie hält sie davon ab, aber sie setzt durch, dass die Bewohner ihr unter Lebensgefahr helfen, den Leichnam zu bergen. Es stellt sich heraus, dass ihr Mann schwerverwundet überlebt hat. Das Schicksal des Ehemannes von Oum Yazan bleibt unklar. Der Film endet, wie er beginnt, mit einem Blick des Schwiegervaters aus dem zugehangenen Fenster. Wie es weitergehen wird, bleibt unklar.

Die belgisch-französisch-libanesische Koproduktion basiert auf einer wahren Geschichte aus Aleppo, die den Regisseur und Drehbuchverfasser Philippe van Leeuw zu diesem Film angeregt hat. Wir, als „normale Zuschauer“ des Syrienkonflikts, sehen diesen Krieg doch immer nur von außen. »Wir haben keine Vorstellung, keine Bilder dafür, wie ganz normale Menschen – die uns sehr ähnlich sind – versuchen, in diesem Krieg einen Alltag zu leben«, sagt er in einem Interview mit dem Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“. Und weiter: »Innen Leben handelt nicht nur vom Syrienkrieg, sondern vom Schrecken jeden Krieges, vom Einbruch der Gewalt in vermeintlich sichere Räume, vom Ende jeder Gewissheit und von der Unmöglichkeit, unter unmenschlichen Bedingungen moralisch integer zu agieren. Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist.«

Warum Innen Leben für Refugio
Als wir den Film für Refugio gesichtet haben, war uns schnell klar, dass er ein Schicksal, das unsere Klientinnen und Klienten aus verschiedensten Ländern und unter unterschiedlichen Umständen erlitten haben, so darstellt, dass man sich emotional nicht entziehen kann. Hier wird aus dem abstrakten Begriff „Fluchtursache“ plötzlich ein Schicksal, verbunden mit Personen und Bildern. Hier wird gezeigt, was Menschen vor ihrer Flucht erleiden müssen und was sie bewegt zu flüchten.

Dass der Film statt in Syrien auch überall dort spielen könnte, woher Menschen mit ähnlichen Schicksalen zu uns flüchten, fanden wir in diesem Zusammenhang wichtig.

Dass sich die ganze Geschichte innerhalb eines Tages in einer Wohnung abspielt, einer Wohnung, die aussieht wie unsere Wohnungen, mit Postern an der Wand, Kosmetik vor dem Badezimmerspiegel und modern eingerichteter Küche, erschwert es uns Abstand zu gewinnen und zeigt, dass es auch Dich und mich treffen könnte, wenn die Umstände sich entsprechend entwickeln. Der Film zeigt, wie Menschen, die von Krieg, Gewalt und Unterdrückung heimgesucht werden, in Situationen geraten, in denen sie sich nicht mehr über jeden moralischen Zweifel erhaben verhalten, weil sie versuchen, sich und ihre Familie zu schützen. Er zeigt, welche psychischen Beschädigungen das hinterlässt. Er zeigt auch direkt, was viele unserer Klientinnen, die vergewaltigt wurden, erleben mussten. Das ist harter Tobak, aber notwendig.
Ruth Holtzhauer