Guckloch Filmgeschichte(n)
Im Zentrum dieser Serie der Guckloch Filmgeschichte(n) steht kein Filmemacher, kein Filmgenre und auch kein Filmschauspieler, sondern ein Journalist – ein Filmkritiker.

André Bazin darf als einer der Begründer der modernen Filmkritik und Filmtheorie gelten. Bereits während seines Lehramtsstudiums engagierte er sich in französischen Filmclubs und begann Kritiken zu schreiben. 1951 schließlich gründete er mit Jacques Doniol-Valcroze die Cahiers du cinéma – bis heute die wahrscheinlich berühmteste und einflussreichste Filmzeitschrift der Welt – deren Chefredakteur er bis zu seinem Tod blieb. Mit den Cahiers du cinéma stellte Bazin die Filmkritik auf ein neues intellektuelles Niveau, zahlreiche spätere Regisseure begannen hier als Filmjournalisten: Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Chabrol oder Éric Rohmer, um nur einige zu nennen.

»Bazin hat mir das Schreiben beigebracht, er hat mich schrittweise bis zur Regie geführt. Wer mit Bazin zu tun hatte, wurde ein besserer Mensch.«
François Truffaut

Als Filmkritiker steht für Bazin immer die Wirkung eines Films im Zentrum seiner theoretischen Überlegungen. Eine phänomenologische Herangehensweise, die ihn zum Begründer der späteren Filmsemiotik machte und ihn grundlegend von Siegfried Kracauer unterscheidet, der die Filmtheorie in Deutschland prägte. Aus den Texten von Bazin spricht aber vor allem auch immer die unbedingte Liebe zum Kino. Seine Filmanalysen sind keine kalten Sezierungen, sondern wortgewaltige Huldigungen an die Magie des Kinos. Dies machte ihn zu einer unentbehrlichen Inspirationsquelle für mehrere Generationen von Cineasten und Filmemachern. »Als ich auf Bazins Texte stieß, wusste ich, dass ich gerettet war. Er bot ein Vokabular an, das der einzigartigen, unmittelbaren Erfahrung des Kinoerlebnisses gerecht wurde. Mit Bazin habe ich den großen, für mich entscheidenden Schritt vom Bewunderer zum Kenner, vom Fan zum Cineasten gemacht. Ein Cineast ist nicht nur Liebhaber, nicht nur Spezialist, sondern auch lustvoller Analytiker des Kinos und seiner Sprachen.« schreibt der Regisseur Tom Tykwer (Lola rennt, Das Parfum, Babylon Berlin) in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Bazins Texten.

André Bazin litt lange an Tuberkulose, was ihn in seiner Arbeit immer wieder stark beeinträchtigte und im November 1958 starb er mit nur 40 Jahren an Leukämie. Den Erfolg seiner ehemaligen Schützlinge und Schüler mit der Nouvelle Vague konnte er nicht mehr miterleben. Von seiner auf vier Bände angelegten Buchreihe Qu’est-ce que le cinéma? erlebte er nur noch das Erscheinen des ersten Bandes, die weiteren wurden posthum veröffentlicht. Die Monographie über Jean Renoir, an der er zur Zeit seines Todes arbeitete, wurde schließlich nach Notizen aus seinem Nachlass von Redakteuren der Cahiers du cinéma vollendet und erst 1971 veröffentlicht.

»[Vor Bazin] sagte man, man muss zeigen, dass das Kino eine Kunst ist. Bazins Auffassung war völlig gegenteilig. Er versucht nicht zu zeigen, dass das Kino eine Kunst ist, denn fraglos bringt es Werke hervor, die Kunstwerke sind. Er fragt sich: Wie kommt es, dass diese sich von anderen Kunstwerken unterscheiden? Worin unterscheidet sich das Kino von anderen Künsten? Nicht: Worin ist es ihnen ähnlich? Es unterscheidet sich von den anderen Künsten, in dem Maß, wie es einen anderen Blick auf die Realität wirft, eine andere Kenntnis der Realität gibt.«
Éric Rohmer

In Deutschland wurden Übersetzungen von Bazins Filmkritiken bereits seit den frühen 50er-Jahren in Zeitschriften publiziert, 1975 erschien ein Band mit ausgewählten Texten, der bald vergriffen war und später zu einer gesuchten Rarität in den Antiquariaten wurde. Mittlerweile ist aber unter dem Titel Was ist Film? wieder eine deutsche Ausgabe verfügbar, die fast den gesamten Inhalt der vier Bände von Qu’est-ce que le cinéma? umfasst. Der Band sei hier ausdrücklich empfohlen. Denn, um nochmals Tykwer aus seinem Vorwort zu dieser Ausgabe zu zitieren: »Sie werden Texte lesen, die einem das Kino wieder derart schmackhaft macht, dass man geradezu nervös wird vor Lust, den besprochenen Film zu sehen. Das ist vielleicht das wunderbarste an Was ist Film?: Im klaren Denken über Film wird auch die Sehnsucht nach der unmittelbaren Wucht filmischer Erfahrung wieder geweckt. Bazin macht Appetit, ach was, macht hungrig auf Zelluloid.«

Mit vier Filmen, die André Bazin für sein Publikum am Herzen lagen, wollen wir diesen Hunger stillen. Und natürlich auch den Appetit anregen, wieder Bazin zu lesen.

Literatur:
André Bazin: Was ist Film? Herausgegeben von Robert Fischer mit einem Vorwort von Tom Tykwer und einer Einleitung von François Truffaut. Berlin (Alexander Verlag) 2004
Richard Hehn