Türkei/Frankreich 2018

Regie:Guillaume Giovanetti, Cagla Zencirci
Drehbuch: Guillaume Giovanetti, Cagla Zencirci, Ramata Sy
Bildgestaltung: Eric Devin
Musik: Bessel Hallek, Pi
Montage: Veronique Lange
Produktion: Mensel Kalvo, Nefes Polat, Michael Ecket
Darsteller: Damla Sönmez, Emin Gürsoy, Erkan Kolcok Köstendil, Elit Iscan

95 Minuten

FSK: ab 12

Original (Türkisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 17. April 2019
20:15 Uhr
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Donaueschingen
keine Vorstellung
Sibel

Die 25-jährige Sibel lebt in einem abgelegenen Gebirgsdorf in der Nähe des Schwarzen Meers. Von Geburt an stumm, gilt sie in dem Ort als Außenseiterin. Als ein Wolf den Ort bedroht, beschließt Sibel, das Tier zu fangen. Doch als sie eines Tages nach einer der Fallen sieht, findet sie darin einen Mann.

Sibel bringt den Mann mit in ihr Dorf, um sich um seine Verletzungen zu kümmern. Der Mann jedoch ist ein desertierter Soldat, was schnell zu Gerüchten führt, dass Sibel einem Terroristen Unterschlupf gewährt.

Sibel ist der dritte Film des Regie-Duos Guillaume Giovanetti und Cagla Zencirci. Nachdem sie mit ihrem an ein japanisches Märchen angelehnten Film Ningen (2013) bewiesen haben, dass sie hervorragend realen Geschichten einen Touch von Mystik verleihen können, setzen sie dieses besondere Merkmal in ihrem neuesten Film fort.

Auch Sibel besitzt durchaus den Charme eines Märchens. Vielmehr aber ist der Film eher als eine Parabel auf unsere Zeit zu verstehen. Es geht um Emanzipation, um den vergeblichen Versuch, aus den gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen. Die Hauptfigur Sibel, wunderbar gespielt von Damla Sönmez, ist dabei von Anfang an als Außenseiterin gebrandmarkt.

Die meisten Dorfbewohner wollen mit ihr nichts zu tun haben und betrachten sie überaus skeptisch, da sie anders ist als die übrigen Bewohner. Das Drama ist damit praktisch vorprogrammiert, wenn ausgerechnet Sibel den verletzten Soldaten mit ins Dorf bringt. Aber genau daraus ergibt sich auch die dichte Spannung des Films. Denn wie wird Sibels Leben in dem Dorf weitergehen? Wie werden sich nun die Leute ihr gegenüber verhalten, deren Demütigungen Sibel bisher hatte aushalten müssen?

Sibel ist kein politischer Film, auch wenn es im Zentrum darum geht, wie mit allen Mitteln versucht wird, Veränderungen in einer Gemeinschaft zu verhindern, selbst wenn diese unausweichlich sind. Es geht daher eher um die rein gesellschaftlichen Gegenüberstellungen von Tradition und Moderne, wobei Sibel als emanzipierte Frau charakterisiert wird, welche beinahe als einzige den Mut aufbringt, die alten Regeln zu durchbrechen.

Guillaume Giovanettis und Cagla Zencircis neuester Film ist sowohl eine berührende Liebesgeschichte, als auch ein düsteres Drama. Die wunderbaren Landschaftsaufnahmen liefern dabei einen zusätzlichen ästhetischen Rahmen. Die Ästhetik des Films beeindruckte auch die Jury der Internationalen Filmfestspiele in Locarno, bei denen Sibel für den Goldenen Löwen nominiert wurde.

Max Pechmann