Chile, Frankreich 2017

Regie & Buch: Niles Atallah
Musik: Sebastian Jatz
Bildgestaltung: Benjamín Echazarreta
Montage: Benjamin Mirguet Produktion Lucie Kalmar (Circe Films, Mômerade, Diluvio)
Darsteller: Rodrigo Lisboa, Claudio Riveros

91 Minuten

FSK: keine Angabe

Festivals & Preise
Rotterdam 2017: Tiger Award

Original (Spanisch, Mapudungun)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 24. April 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
ReyReyRey
Rey

1858 brach der französische Anwalt Orélie-Antoine de Tounens nach Chile auf, wo er plante, zum ersten Regenten seines neuen „Königreich Araukanien und Patagonien“ zu werden. Zwei Jahre irrlichterte er durch den Südzipfel Lateinamerikas, bis ihn die chilenische Regierung dingfest machte und nach Santiago brachte. Dort verurteilte man ihn wegen Spionage zum Tode, stufte ihn dann aber als geistig unzurechnungsfähig ein und schob ihn 1862 kurzerhand nach Frankreich ab. De Tounens sah sich selbst als Unterstützer und Befreier der Mapuche-Indianer, die er in ihrem Kampf gegen die chilenischen Besatzer unterstützen wollte. Dass dies für ihn, als Europäer, der weder die Sprache der Ureinwohner sprach, noch ihre Kultur und ihre Gebräuche kannte, ein ebenso paternalistischer Ansatz war wie die chilenische Besatzung, konnte er damals nicht erkennen. Im Film wird er von den Mapuche zwar reserviert aber durchaus nicht unfreundlich als Kuriosum aufgenommen. Beim Prozess in Santiago verlangte er erfolglos, die Indianer als seine Zeugen zu hören. War de Tounens ein verrückt gewordener Abenteurer, der gerne König werden wollte oder ein früher Kämpfer für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner? In europäischen und nordamerikanischen Zeitungen schaltete er Anzeigen, in denen er für die Anerkennung des Königreichs als indigener Mapuche-Staat warb.

Mitte des 19. Jahrhunderts beanspruchten Chile und Argentinien den Südzipfel des Kontinents als ihr Staatsgebiet, faktisch führten sie jedoch bereits seit dem 16. Jahrhundert einen Krieg gegen die Ureinwohner, ohne je eine wirkliche Kontrolle über dieses Territorium zu erlangen. Erst 1881 endete der „Arauco-Krieg“, die Mapuche wurden zwangsweise in Reservaten konzentriert und das Land mit europäischen Einwanderern besiedelt. Ein letzter Aufstand wurde 1934 blutig niedergeschlagen.

Auch wenn die seltsame Geschichte des selbsternannten Königs zu den merkwürdigeren Anekdoten dieser Ära gehört, wäre sie wahrscheinlich eine Fußnote der Geschichte geblieben. Doch der Chilenische Künstler und Filmemacher Niles Atallah hat sie zum Thema seines zweiten Films gemacht und damit auf zahlreichen Festivals für Aufsehen gesorgt.

Man kann sich durchaus vorstellen, dass auch ein Werner Herzog Gefallen an dieser historischen Posse gefunden hätte, doch die Art und Weise wie Atallah damit in seinem Film umgeht, ist das blanke Gegenteil von Filmen wie Herzogs Aguirre. Atallah geht es nicht um einen historisierenden Abenteuerfilm, er nimmt die sowieso nur fragmentarisch vorhandenen Zeugnisse als Ausgangsmaterial, verfremdet sie, setzt sie neu zusammen und schafft so eine surrealistisch bis psychedelisch anmutende Archäologie narrativen Wissens.

»Nach der ersten Lektüre dieser fantastischen Erzählung von Orélie-Antoines Abenteuern wurden mir schnell die Lücken in seiner historischen Aufzeichnung und die widersprüchlichen Berichte über die Geschehnisse klar. Je mehr ich recherchierte, desto mehr schien es, dass sich fast nichts wirklich mit Sicherheit nachweisen ließ. Ich realisierte dass Orélie-Antoine praktisch die einzige Quelle war, die über ihn Auskunft geben konnte: seine Schriften und seine Verteidigung vor Gericht in Chile. Abgesehen davon sind die historischen Quellen extrem rar und oft widersprüchlich.
Aber es war genau das, was mich wirklich fasziniert hat: die rätselhafte und zutiefst mystische Natur dieses Königs und die fragmentarische Erinnerung, die heute noch von ihm übrig ist. Unter Schichten von Mythen und Legenden begraben, gibt es gerade noch genügend konkrete Beweise für diesen Mann und sein Königreich, um zu verhindern, dass beide völlig in Vergessenheit geraten.
So entstand Rey, während ich durch die vielen Einzelteilen der Geschichte dieses Königs ging. Ich fing an, mir einen Film vorzustellen, bei dem ich den Zuschauer auf eine Reise mitnehmen würde. Eine Reise durch ein Reich vergessener Träume, verblassender Erinnerungen und den Fantasien eines Geistes. Und wie ein Erinnerungsschimmer bleiben sie bis heute Chimäre, ein König und ein Königreich, das nur in Träumen existiert.« (Niles Atallah)

Rey ist ein Film, der in seiner visuellen Qualität relativ einzigartig sein dürfte. Atallah arbeitet im wahrsten Sinne mit dem Film als Material – im physischen Sinne. Er drehte auf 8, 16 und 35 mm-Film. Teilweise filmte er digital gedrehtes Material wieder auf Zelluloid-Film ab. Die Filmstreifen bearbeitete er mechanisch und mit verschiedenen Chemikalien. Teile des Films vergrub er in seinem Garten und ließ sie dort monatelang unter der Erde verrotten. Immer wieder schneidet er historische Stummfilmaufnahmen dazwischen. Dennoch wird der Film nie zum reinen abstrakten Experiment, denn Atallah verliert sein Thema nie aus den Augen. Die historisch verbürgten Elemente der Geschichte erzählt er auf eine schnörkellose, fast naturalistische Weise. Den Prozess der chilenischen Justiz gegen den vermeintlichen König inszeniert er als absurdes Maskentheater. Auch wenn das „Königreich Araukanien und Patagonien“ niemals von irgendeinem anderen Staat anerkannt wurde und heute eher als Skurrilität eingestuft wird, macht Rey in diesen Szenen deutlich, dass der Besitzanspruch des „weißen“ Chile über das Land der Mapuche eigentlich auf ebenso tönernen Füßen steht. Spätestens jetzt wird der Film auch zu einer Parabel über die Unmöglichkeit, diese Geschichte in einem Medium und mit der Dramaturgie des „weißen Mannes“ zu erzählen. Der Film muss sich auflösen, um die Geschichte sichtbar werden zu lassen.

Bis er 1878 völlig verarmt in Frankreich starb, versuchte de Tounens noch mehrmals erfolglos nach Chile zurückzukehren. Sein „Königreich Araukanien und Patagonien“ existiert jedoch bis heute als Phantomstaat ohne Territorium in Frankreich. Im März 2018 wurde Frédéric Luz als „Frédéric I“ zum derzeit amtierenden König gewählt. Nach seinem 2017 verstorbenen Vorgänger Antoine IV ist er damit der achte Regent in der Nachfolge von Orélie-Antoine de Tounens (Antoine I). Laut einem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag ist es allerdings »unklar ob die Mapuche das Königreich anerkennen oder ob es ihnen überhaupt bekannt ist.« Eine deutschsprachige Wikipedia-Seite meldet hingegen, dass auch vier Mapuche an der Wahl Frédérics teilnahmen. Die Webseite des Königreichs wurde offensichtlich seit mehreren Jahren nicht mehr aktualisiert. Araukanien bleibt ein Mysterium voller Widersprüche. Frédéric I ist neben seinen Aufgaben als König auch 2. Vorsitzender von „Auspice Stella“, einer NGO, die sich bei der UNO für die Rechte der Mapuche einsetzt. Dies zumindest scheint gesichert.

Richard Hehn