UdSSR 1929

Regie, Buch und Schnitt: Dziga Vertov
Kamera und Darsteller: Mikhail Kaufman
Produktion: Vseukrainske Foto Kino Upravlinnia (VUFKU)

68 Minuten

ohne Dialog



Villingen
Sonntag, 28. April 2019
18:00 Uhr (Eintritt: € 12,–)
Donaueschingen
keine Vorstellung
Человек с киноаппаратомЧеловек с киноаппаратом
Человек с киноаппаратом
Der Mann mit der Kamera

Als Dziga Vertov 1954 starb, war er in seiner russischen Heimat praktisch völlig vergessen. Drei Jahrzehnte Stalinismus hatten das Erbe der sowjetischen Stummfilm-Pioniere ausgelöscht. Doch mittlerweile ist er als einer der wichtigsten russischen Filmemacher längst wieder anerkannt und vor allem seine reichhaltigen Schriften zur Theorie und Ästhetik des Dokumentarfilms gehören zur Pflichtlektüre aller Filmstudenten weltweit.

Geboren als Dawid Abelewitsch Kaufman im heute polnischen Bialystok, ist Dziga Vertov sicherlich der radikalste unter den Pionieren des russischen Montagekinos. Im Gegensatz zu Sergej Eisenstein, als dessen Gegenpol er gelten darf, lehnte er den Einsatz von Schauspielern oder narrativen Elementen (und damit den Spielfilm insgesamt) kategorisch ab. Strukturen anderer Künste wie Theater, Literatur oder Malerei lehnte er als „bürgerlich“ ab und wollte statt dessen mit seiner Gruppe „Kinoki“ (Kino-Augen) ein reines, revolutionäres Kino erschaffen, welches seine Kraft einzig aus originär filmischen Techniken schöpfen sollte. Dadurch bewegt sich sein Schaffen immer an der Grenze zwischen Dokumentar- und Experimentalfilm. Und so gilt Der Mann mit der Kamera heute nicht nur als einer der besten Dokumentarfilme (In der „Sight & Sound“-Liste erscheint er sogar als einziger Dokumentarfilm unter den ersten 10 Filmen), sondern auch als „legendärster Experimentalfilm“. Seine zur Entstehungszeit einzigartige Ästhetik beeinflusste noch 50 Jahre später Filme wie Koyaanisqatsi (1982). Doppelbelichtungen, Zeitraffer- und Zeitlupen-Aufnahmen, Kamerafahrten und Jump-Cuts, Standbilder, Dutch-Angles oder auch rückwärts laufende Einstellungen – es gibt kaum eine Technik, die Der Mann mit der Kamera nicht nutzt. So wundert es wenig, dass es drei Jahre dauerte, den Film zu drehen.

Doch von soviel theoretischem Überbau, von ganzen Bänden von Filmanalysen, die über dieses Werk von nur wenig mehr als einer Stunde Länge geschrieben worden sind, sollte man sich nicht den Blick auf den eigentlichen Film verstellen lassen: Auch heute noch ist es ein pures Vergnügen, den Mann mit der Kamera auf der großen Leinwand zu sehen. »Trotz meines Unwissens über die Umstände und Entstehungsprozesse der Kunst verschlug mir deren Resultat jedoch den Atem, faszinierte und vereinnahmte mich in ihrer immensen filmischen Virtuosität« schrieb ein deutscher Filmkritiker über seine erste unerwartete Begegnung mit Vertovs Hauptwerk.

Fast ebenso großen Anteil an den teilweise atemberaubenden Aufnahmen in diesem Film hat neben Vertov sicherlich auch sein Kameramann (und Bruder) Mikhail Kaufman. Die Einstellungen, in denen man Mikhail Kaufman sieht, wie er unermüdlich an seiner Stummfilmkamera kurbelt, wurden zu Ikonen der Kinogeschichte. Ein weiterer – jüngerer – Bruder, Boris Kaufman lernte bei Der Mann mit der Kamera das Handwerk von Mikhail. Er emigrierte schon bald in die USA , wo er unter anderem für Die zwölf Geschworenen oder Die Faust im Nacken hinter der Kamera stand. Für letzteren wurde er mit einem „Oscar“ geehrt. Dziga Vertov hingegen wurde erst Ende der 60er-Jahre im Westen wiederentdeckt – als Namenspatron der „Groupe Dziga Vertov“, einem 1968 von Jean-Luc Godard gegründeten Kollektiv linksradikaler Filmemacher, die damit an Vertovs Überlegungen zum Propagandafilm anknüpfen wollten. Denn auch wenn Vertov heute vor allem wegen seiner Verdienste zur Filmästhetik geschätzt wird, er selbst verstand sich zeitlebens als anti-bürgerlicher, revolutionärer Filmemacher, der mit seinem Werk die Massen aufrütteln und bewegen wollte.

Die Musik zum Film wird das Ensemble Vandel eigens neu komponieren und an diesem Abend uraufführen. Den virtuosen filmischen Techniken stehen die ebenso experimentellen wie einzigartigen Klanglandschaften kongenial gegenüber.

Hämmernde, maschinelle Rhythmen wechseln mit schwebenden aus der Ferne aufblitzenden Melodien und wabernden Gitarrensaiten über einem faszinierend dynamischen „Grundrauschen“. Das monotone „Kurbeln“ an der Geige, die folkloristisch, verführenden Oboen-Linien und die verfremdeten Gitarrensounds der Musiker schaffen eine verlängerte räumliche Dimension der Bilder unter der Leinwand.

Das gesamte Tonmaterial wird speziell für diesen Film erstellt und mit analogen Synthesizern angereichert.

Nach dem Erfolg von nun drei eigenen Filmmusik-Kompositionen erfindet sich das Ensemble Vandel mit Spieltechniken und Instrumenten sowie dem Einsatz von horizontaler Klangtiefe wieder völlig neu.

Richard Hehn, Martin Schäfer