Island 2019

 

Regie & Buch: Grímur Hákonarson

Bildgestaltung: Mart Taniel

Musik: Valgeir Sigurdsson

Montage: Kristján Lodmfjörd

Produktion: Grímar Jónsson

Darsteller: Arndís Hrönn Egilsdóttir, Sveinn Ólafur Gunnarsson, Ævar Þór Benediktsson, Sigurður Sigurjónsson


92 Minuten

 

FSK: ab 6

Original (Isländisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 26. August 2020
18:00 Uhr (deutsch)
20:15 Uhr (OmU)
Donaueschingen
Montag, 24. August 2020
20:00 Uhr
HéraðiðHéraðiðHéraðið
Héraðið
Milchkrieg in Dalsmynni

Als der Milchbauer Reynir ungebremst von der Straße abkommt und über eine Klippe in den Tod stürzt, gerät in einer Kleinstadt im Nordwesten Islands einiges aus den Fugen. Ist er am Steuer eingeschlafen, nach einem Treffen mit dem Chef der örtlichen Landwirtschafts-Kooperative, das bis tief in die Nacht dauerte? Oder war es vielleicht Selbstmord, nachdem ihm klar wurde, wie es um seinen überschuldeten Hof steht?

 

Von jenem Pfund, mit dem isländische Filme so oft wuchern können – großartige Landschaftsaufnahmen – macht dieser Film nur wenig bis gar keinen Gebrauch. Zumeist ist die Landschaft unwirtlich und nebelverhangen. Damit erinnert er eher an skandinavische Krimis. Und vom Krimi-Genre hat dieser Film auch in seiner Handlung einiges zu bieten. Als Reynirs Witwe Inga versucht, die örtliche Kooperative zu verlassen, um den Hof zu retten, merkt sie recht bald, das diese Organisation, die einst aus Solidarität gegründet wurde, um die Bauern vor dem Preisdumping der Molkereikonzerne zu schützen, inzwischen zu einer korrupten, mafiösen Organisation verkommen ist, die mehr dem Nutzen einiger Funktionäre dient, als jenem der zusammengeschlossenen Bauern.

 

Die in der Kooperative organisierten Bauern verpflichten sich, ihre Milch ausschließlich an die Kooperative zu verkaufen. Gleichzeitig aber auch dazu, ihren Bedarf an Futtermitteln, Dünger etc. ausschließlich über die Kooperative zu beziehen (wo sie dreimal soviel kosten, wie auf dem freien Markt). Sogar ihren persönlichen Bedarf müssen die Bauern im überteuerten Supermarkt, der von der Kooperative betrieben wird, einkaufen, wollen sie nicht auf schwarze Listen geraten. Als Inga beschließt, aus der Kooperative auszutreten um ihren Hof zu retten, beginnt die Kleinstadt in ihren Grundfesten zu wanken. Denn diese isländische Kooperative verlässt man genauso wenig wie die sizilianische Mafia. Wer es versucht, wird erst mit einer Ladung Mist auf dem PKW gewarnt, und bekommt dann ungebetenen Besuch. Und schon bald werden auch die Umstände von Reynirs Tod immer mysteriöser.

 

Als Inga schließlich auch noch die Kooperative in der Lokalzeitung als korrupt anprangert, beginnt das, was der deutsche Filmverleih als „Milchkrieg in Dalsmynni“ bezeichnet. Auf der isländischen Landkarte findet sich jedoch – darauf muss hier hingewiesen werden – nirgends ein Ort namens Dalsmynni. Der Film basiert auf Begebenheiten in Skagafjörður, einem Dorf an der Nordwestküste Islands. Héraðið ist ein Provinzkrimi (der isländische Originaltitel bedeutet, wörtlich übersetzt, “Provinz”), und als solcher bleibt er bis zum überraschenden Ende spannend. Doch wie alle guten Krimis weist er weit über sich hinaus. Wer sind hier “die Guten”? Die Kooperative, die sich gründete um die wirtschaftlichen Interessen der Bauern im globalisierten Kapitalismus zu schützen? Oder doch die aufrechte Einzelkämpferin Inga, die im Dorf schon bald als eine Nestbeschmutzerin gilt, die sich gegen die berechtigten Interessen der Gemeinschaft stellt? Die unwissentlich das Spiel der Konzerne mitspielt und so eine solidarische Gemeinschaft spaltet? Kann Solidarität noch funktionieren, wenn sie die persönliche Freiheit maximal einschränkt? Oder ist die Aufgabe individueller Freiheiten ein akzeptabler Preis für das solidarische Überleben einer kleinbäuerlichen Gemeinschaft? Sind diese „Freiheiten“ eigentlich sowieso nur fatale Verlockungen des Kapitalismus? In einer Zeit, in der solidarische Gemeinschaften immer häufiger als ideales Gegenmodell zum neoliberalen Globalkapitalismus gesehen werden, stellt der Film die Frage, wie auch in solchen Initiativen Korruption und mafiöse Strukturen entstehen können.

 

Nicht alle diese Fragen beantwortet Grímur Hákonarsons Film. Aber er macht sie uns unbewusst bewusst. Unversehens wird so aus einem spannenden Provinzkrimi ein Lehrstück über Solidarität, Globalisierung und Kapitalismus.

Richard Hehn