UK, D, USA, DK 2018

 

Regie: Viktor Kossakovsky

Drehbuch: Viktor Kossakovsky, Aimara Reques

Bildgestaltung: Ben Bernhard, Viktor Kossakovsky

Musik: Eicca Toppinen

Montage: Viktor Kossakovsky, Molly Malene Steensgard, Ainara Vera

Produktion: Ma.Ja.De Film, Aconite Productions


90 Minuten

FSK: ab 6

Original (Russisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 19. August 2020
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
AquarelaAquarelaAquarela
Aquarela

»Das Kino ist nicht dafür da, Geschichten zu erzählen«, wird Viktor Kossakovsky in einem Produktionsbericht in der Fachzeitschrift „Kamera“ zitiert. »Das Kino soll den Menschen das zeigen, was sie außerhalb des Kinos niemals sehen könnten.« Dieser Haltung folgend, zeigte er schon 2011 in ¡Vivan las Antipodas! Menschen und Landschaften, die sich auf dem Globus genau gegenüber liegen, wenn man eine Tunnelröhre exakt durch den Erdmittelpunkt bohren würde. Gänzlich unkommentiert, ohne die sonst im Dokumentarfilm üblichen Erklärungen, konnte man den Menschen einfach bei ihren alltäglichen Verrichtungen zusehen, was eine ganz eigene Faszination hatte (wir haben ¡Vivan las Antipodas! bei uns im guckloch-Kino gezeigt).

 

Bei seinem neuesten Film Aquarela tritt der Mensch noch weiter in den Hintergrund. Der Hauptdarsteller ist das Wasser als wichtigstes Element des Lebens auf der Erde und in all seinen Erscheinungsformen. Wir sehen, wie Autos auf der Eisdecke des russischen Baikalsees einbrechen und ein Mensch ertrinkt, weil der Frühling früher kommt als gewohnt. Wie in der Arktis mächtige Gletscher abbrechen und wie große Schiffe im Meer erst versinken und dann wieder als Treibeis auftauchen (wobei in beiden Fällen der Mensch für die Erderwärmung verantwortlich ist). Wir erleben die zerstörerische Kraft von Wasser beim Hurricane in Florida und dann wieder, als friedliches und versöhnliches Bild, die Schönheit des weltweit höchsten Wasserfalls Salto Ángel in Venezuela.

 

Aquarela ist ein poetischer, meditativer Film. Das Wasser malt seine Bilder, und die sind in jeder Sekunde anders. In einem Gespräch erzählte Kossakovsky von dem Impuls, diesen Film zu machen: »2000 lebte ich, während des Schnitts von meinem Film I love you, auf der Insel Bornholm in einem Haus mit Blick auf die Ostsee. Mir fiel auf, dass das Meer jeden Tag, jede Stunde, sogar jede Minute anders war. Es wurde nie langweilig, denn der Anblick war nie derselbe. Und ich überlegte, wenn ich ein ganzes Jahr die Wellen vor meinem Fenster filmen würde, könnte das ein großartiger Film werden: Ohne ein Wort zu sagen und ohne die Kamera zu bewegen, nur die Veränderung des Wassers beobachtend – verschiedene Farben, verschiedene Bewegungen, verschiedene Dynamiken. Durch die Perspektive des Wassers würde man die Gezeiten aller menschlichen Emotionen erleben und fühlen können: Wut, Aggression, Harmonie, Barmherzigkeit, Einsamkeit, Eifersucht – einfach alles! Mit Aquarela wollte ich jedes Gefühl einfangen, das bei der

Interaktion mit dem Element Wasser erlebt werden kann.«

 

Was die Bildgestaltung betrifft, sind Kossakovsky und sein Co-Kameramann Ben Bernhard Perfektionisten. Gedreht wurde bei diesem Film oft mit 96 Bildern pro Sekunde, um Kamerabewegungen geschmeidig zu machen oder zum Beispiel einen Regentropfen auf eine Weise sichtbar werden zu lassen, wie es mit den sonst üblichen 24 oder 25 Bildern nicht möglich wäre. Und bei dem sturmgepeitschten Segeltörn über den Atlantik hängte Kossakovsky nicht etwa eine billige GoPro-Kamera an den Mast (wie man es sonst machen würde, nach dem Motto, wenn die kaputt geht, sind nur 400 Euro futsch), sondern ging das Risiko ein, eine 60.000 Euro teure Alexa Mini dem Salzwasser auszusetzen – weil nur diese seinen Qualitätsansprüchen genügt.

 

Die Musik in diesem Film stammt übrigens von dem finnischen Cellisten Eicca Toppinen, bekannt geworden durch seine Metal-Cellisten-Band „Apocalyptica“. Zusammen mit dem Blubbern, Gluckern, Rauschen, Knarzen und Krachen des Wasser in seinen verschiedenen Aggregatzuständen bildet sie die Tonspur des Films, in dem nur wenig gesprochen wird.

Klaus Peter Karger