Kanada 2013

Regie und Buch: Denis Côté
Kamera: Ian Lagarde
Musik: Melissa Lavergne
Schnitt: Nicolas Roy
Produktion: Sylvain Corbeil, Stéphanie Morissette, Nancy Grant
Darsteller: Pierrette Robitaille, Romane Bohringer, Marc-André Grondin, Marie Brassard

95 Minuten

FSK: ab 12

Festivals & Preise:
Berlinale 2013: Silberner Bär (Alfred Bauer Preis)
Prix Jutra 2014: Beste Darstellerin (Pierrette Robitaille)

Original (Französisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 21. August 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
Vic + Flo ont vu un oursVic + Flo ont vu un oursVic + Flo ont vu un ours
Vic + Flo ont vu un ours
Vic + Flo haben einen Bären gesehen

»Ich glaube, es gibt immer ein Gefühl von Bedrohung in meinen Filmen. Es steckt in mir. Ich will, dass man denkt, an irgendeinem Punkt wird immer etwas furchtbar schief gehen. Es macht dem Zuschauer seine eigne Verletzlichkeit als Zuschauer bewusst.«
Denis Côté

Ein Film, wie ihn wohl nur Denis Côté schreiben und inszenieren kann. »Ich bin jetzt alt genug, um zu wissen, dass ich Menschen nicht mag«, sagt die gut sechzigjährige Victoria zu ihrer Lebensgefährtin Florence, als die beiden Frauen nach Victorias Entlassung aus dem Gefängnis in ein entlegenes, heruntergekommenes Farmhaus tief im Wald ziehen. Das heruntergekommene Haus mit dem Schuppen, in dem früher Zuckerrüben verkocht wurden, gehört Victorias Onkel. Der sitzt in einem elektrischen Rollstuhl und kann sich weder bewegen noch sprechen. Was er von den beiden Frauen hält, die sich nun bei ihm einnisten, bleibt daher weitgehend unbekannt. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, dies aus seiner kaum noch vorhandenen Mimik zu deuten.

Wie immer in seinen Filmen verrät uns Côté nur das Allernötigste über die Vorgeschichte seiner Figuren, und dies auch sehr sparsam über die Länge des Films verteilt. In Vic + Flo ont vu un ours zeigt sich, wie nahe Spielfilm und Dokumentarfilm für diesen Regisseur beieinander liegen. Während er im Dokumentarfilm eine Situation vorfindet, die er mit seiner Kamera beobachtet, schafft er diese Situation in seinen Spielfilmen – um sie dann auf die selbe Art und Weise zu beobachten. Wenn wir Florence bei ihren Ausbrüchen aus dem von Florence gewählten Eremitendasein beobachten, konnten dies fast genauso Einstellungen aus Côtés Dokumentarfilmen sein. Florence, weit jünger als Victoria, langweilt sich schon bald in der Einsamkeit der kanadischen Wälder. Während es Victoria genug ist, einen Garten neben dem Haus anzulegen, treibt es Florence in die Bars der nächstgelegenen Kleinstadt. Ihre Eskapaden lassen das Gefüge der beiden ungleichen Frauen immer zerbrechlicher werden. Ein schwuler Bewährungshelfer und eine mysteriöse Frau, die immer wieder wie aus dem Nichts auftauchen, tun ihr übriges dazu, den Film immer weiter in Richtung Thriller zu verschieben.

Mit der misanthropischen Victoria und der undurchdringlichen Florence hat Denis Côté ein lesbisches Filmpaar geschaffen, das allen Konventionen des (Genre-)Kinos zu widersprechen scheint, denn beide taugen kaum als Sympathieträgerinnen für den Zuschauer. Dennoch bleibt es 90 Minuten lang aufregend und spannend, diese beiden Frauen zu beobachten. Zu Recht wurde Pierrette Robitaille für ihre Rolle als Victoria mit dem „Prix Jutra“, dem kanadischen Filmpreis als Beste Darstellerin ausgezeichnet.

Richard Hehn