Deutschland 2017

Regie: Marie Reich
Drehbuch: Marie Reich, Constantin Ried
Bildgestaltung: Salomé Lou Römer
Montage: Rainer Schmidt
Produktion: Constantin Ried
Mitwirkende: Christian Bruhn, Katja Ebstein, Klaus Doldinger, DJ Hell

80 Minuten

FSK: ab 0

Deutsche Originalfassung



Villingen
Montag, 26. August 2019
20:00 Uhr
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Donaueschingen
keine Vorstellung
Meine Welt ist die Musik – der Komponist Christian Bruhn
Meine Welt ist die Musik – der Komponist Christian Bruhn

Mit dem Namen Christian Bruhn können nur Eingeweihte etwas anfangen. Schlager wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Zwei kleine Italiener“ oder „Liebeskummer lohnt sich nicht“ kennt hingegen jeder (jedenfalls aus der älteren Generation) und kann auch nach der fünften Halben zumindest den Refrain noch mitgröhlen. Alle diese Schlagermelodien hat Christian Bruhn geschrieben, der wohl erfolgreichste deutsche Nachkriegskomponist der leichten Muse. Sein Werkverzeichnis umfasst mehr als 2500 Titel; auch die eingängigen Werbemelodien für Haribo, Milka-Schokolade oder den Weichspüler Lenor stammen aus seiner Feder.

Vergangenen Oktober ist Christian Bruhn 84 Jahre alt geworden, und Marie Reich zeichnet in Meine Welt ist die Musik seinen Werdegang nach. Nicht ohne »den Schöpfer über seine Schlager zu erheben«, wie Michael Pilz im Feuilleton der „Welt“ schrieb. Als Kind kunstinteressierter Eltern aus bürgerlichem Hause studierte Bruhn erstmal Klavier und Klarinette, tingelte mit Jazzbands durch die Clubs. Verfiel aber schon damals, wie er selbst sagt, der leichten Unterhaltungsmusik. 1956 waren die ersten Gastarbeiter aus Italien nach Deutschland angeworben worden, fünf Jahre später komponierte Christian Bruhn „Zwei kleine Italiener“, jenen Hit, mit dem dann Conny Froboess 1962 die Deutschen Schlagerfestspiele gewann.

Von da an ging es Schlag auf Schlag, oder besser: Schlager auf Schlager. Katja Ebstein, Roy Black, Jack White, Udo Jürgens, Mireille Mathieu, Rudolf Kunze, Drafi Deutscher – Christian Bruhn hat für alle Größen des deutschsprachigen Schlagerbusiness geschrieben. Er hat auch Filmmusik komponiert, für die Fernsehserie Timm Thaler, fürdie deutsche Fassung der japanischen Animationsfilmserie Captain Future, und er hat die Gedichte von Heinrich Heine vertont, ein Programm mit dem Katja Ebstein immer wieder auf Tournee ging. »Ich sehe mich als gespaltene Persönlichkeit«, sagt Christian Bruhn im Film, »die einerseits ein „Heidi“ zustande bringt, auf der anderen Seite aber Chansons oder „Captain Future“. Das sind Welten, unterschiedliche Musikstile, und die alle kommen aus demselben Kopf.«

Jüngere Musikerkollegen wie der 1962 geborene Techno-/House- und Elektroclash-Aufleger DJ Hell sind voll des Lobes über Bruhn: »Er weiß, wie man Songs arrangiert, damit es für viele Leute verständlich ist. Das kann ich nicht.« Auch als über 80-jähriger werkelt Christian Bruhn regelmäßig in seinem hauseigenen Musikstudio, und mit seinem Sohn spielt er in einer Band. Der Sohn am Schlagzeug, der Meister am Keyboard.

Ganz unterhaltsamer Erzähler schildert er, wie er ein schlechter Schüler war, eine Malerlehre machte, später in die SPD eintrat und sich vom Jazz zum Schlager hinwandte. »Melodien halten sich nur, wenn die Feuerwehrkapelle sie spielt oder sie auf dem Oktoberfest laufen«, wird er in einem Interview im „Spiegel“ zitiert, »Ich mache Musik nicht für eine schief gebildete Elite, sondern für 95 Prozent der Menschen, und die dürften sich gern betrinken. Es war mir nie wichtig, auf der Straße erkannt zu werden, aber ich will dort gepfiffen werden.« Und dann sitzt er vor der Kamera am Flügel, klimpert ein paar Takte „Wunder gibt es immer wieder“ und schiebt hinterher: »Kann jeder…Oder nicht.«

Im Vorprogramm zu Meine Welt ist die Musik wird uns an diesem Abend „Schorschs Schlagerchor“ aus Villingen-Schwenningen auf den Film einstimmen. Die Amateursängerinnen und -sänger um den Musiker Alfred Georg treffen sich mehrmals in der Woche, um gemeinsam und voller Inbrunst deutsche Schlager zu singen. Das Probelokal ist übrigens ein ehemaliger Kinosaal in Schwenningen: Bürkstraße 48, dort befand sich 1913 mit dem „Apollo“ eines der ersten Kinematographentheater in der Neckarstadt.

Klaus Peter Karger