Deutschland / Schweiz 2017

Regie und Buch: Katrin Rothe
Charakter-Design: Jonathan Webber
Animatoren: Lydia Günther, Lisa Neubauer, Gabriel Möhring, Matthias Daenschel, Jule Körperich
Musik: Thomas Mävers
Montage: Silke Botsch
Sprecher: Hanns Zischler, Maximilian Brauer, Claudia Michelsen, Martin Schneider, Arno Fuhrmann
Produktion: Dschoint Ventschr/Maxim Film

90 Minuten

FSK: ab 0

Deutsche Originalfassung



Villingen
Mittwoch, 26. Februar 2020
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
1917 – Der wahre Oktober1917 – Der wahre Oktober1917 – Der wahre Oktober
1917 – Der wahre Oktober

»Geschichtsbücher gibt es viele. Ich aber will wissen, wie die Revolution damals von Künstlern erlebt wurde. Geschichten aus erster Hand«, schildert die Stimme aus dem Off zu Beginn des Films 1917 – Der wahre Oktober. »Was macht die Revolution mit den Künstlern und sie mit der Revolution?« Der Regisseurin Katrin Rothe geht es um eine Neuerzählung der Russischen Revolution durch Künstler, die bekanntlich darin geübt sind, das Lebensgefühl ihres Volkes in Worte zu fassen. Was geschah in der Zeit der „provisorischen Regierung“ in den Monaten zwischen Februar 1917, als der Zar nach den Aufständen abdankte, und der Machtübernahme der Bolschewiki im Oktober?

 

Alle Texte dieses Films basieren auf den Tagebüchern, Zeitzeugenberichten und literarischen Werken ihrer fünf Trickfilm-Figuren: Da ist zum einen die Dichterin Sinaida Hippius, damals 47 Jahre alt. Sie wohnt gegenüber dem Parlamentsgebäude in Sankt Petersburg (damals Petrograd), ist mit einigen Ministern befreundet und in ihrem Salon trifft sich Kunst und Politik. Sodann der Maler und Kritiker Alexandre Benois und der Schriftsteller Maxim Gorki, die beide schon etablierte Größen im russischen Kulturleben sind und durch die Ereignisse 1917 die Zerstörung von Kunst und Kreativität fürchten. Viertens der Avantgardist und Soldat Kasimir Malewitsch, der ein Manifest nach dem anderen veröffentlicht. Und schließlich als fünfter Protagonist im Film Wladimir Majakowski, der als exzentrischer Dichter in Petrograd unterwegs ist, sich mit den älteren Künstlern anlegt und von einer neuen Welt und einer radikal anderen, wahrhaft demokratischen Kunst träumt.

 

Katrin Rothe erweckt die fünf Protagonisten mit Legefiguren zum Leben. Gebastelt aus Pappkarton, Schnüren, Stoff, Luftpolsterfolie und Kunstpelz werden sie vor gezeichneten oder mit Siebdruck angefertigten Hintergründen Bild für Bild bewegt und abgefilmt. Durch entsprechende Lichtgestaltung am Tricktisch wirken sie fast räumlich. Die Bildästhetik entspricht mit ihrem hohen Maß an Abstraktion, an klarer Farb- und Formensprache dabei den Ausdrucksmitteln der russischen Avantgarde zu jener Zeit. Diese animierten Sequenzen werden im Film durch historisches Filmmaterial ergänzt.

 

Bei „Dokville“, der jährlichen Dokumentarfilmtagung in Stuttgart, sprach Katrin Rothe 2017 über den Impuls, diesen Film zu machen. Sie komme ja aus der DDR, sei zur Zeit der Wende 18 Jahre alt gewesen, »und für mich ist es beruflich wie privat immer noch so ein Thema.« Als ihr ein Freund vor Jahren das Buch eines britischen Historikers über die Oktoberrevolution mit den Worten gegeben habe, sie solle das lesen, dann wisse sie Bescheid wie es wirklich war, hätte sie das zunächst empört und geärgert. Doch dann habe sie das Buch zweimal gelesen und sehr detaillierte Beschreibungen und Anekdoten darin gefunden, und es sei gar nicht so ideologisierend gewesen. Als dann 2013 noch ein neues Buch mit den Petersburger Tagebüchern der Sinaida Hippius erschien, habe sie gedacht, »da müsste man mal einen Film machen, dass man diese Zeit heute spüren kann.«

 

1917 – der wahre Oktober ist als Rekonstruktion aus der Sicht der Künstler eine vielstimmige Annäherung an das Thema. Karin Rothe sprach bei „Dokville“ darüber, wie sie bestrebt war, die Einordnung der fünf Protagonisten zu entideologisieren: »Es gibt ja sehr verschiedene deutsche Übersetzungen, je nachdem wann sie übersetzt worden sind, und ich habe hinterher versucht alles Ideologische rauszustreichen. Weil als die Künstler die Zeit erlebt haben, wussten sie ja noch nicht, was hinterher kam.« Sie findet dieses Verlangen nach eindeutiger Einordnung auch absurd: »Jeder weiß, dass es die eine Wahrheit nicht geben kann, trotzdem wird es erwartet und auch so vermittelt, soundso war es, so und so ist es. Das mag ich nicht. Ich versuche es so zu zeigen, wie ich das entdecke und damit aber auch die Zuschauer mitzunehmen, mit rein zu ziehen. Aber ganz klar zu sagen, das ist jetzt wieder auch nur eine Wahrheit, nämlich meine.«

Klaus Peter Karger