Deutschland 2017

Regie & Buch: Jan Henrik Stahlberg
Musik: Rainer Oleak
Bildgestaltung: Ferhat Topraklar
Montage: Sarah Weber
Produktion: Saralisa Volm, Patrick Volm-Dettenbach
Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Franz Rogowski, Susanne Bredehöft, Roald Schramm, Saralisa Volm

101 Minute

FSK ab 16

Deutsche Originalfassung



Villingen
Mittwoch, 20. Februar 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
Fikkefuchs

Wenn er gerade nicht in Klischeerollen in Fernsehfilmen auftritt, dreht Jan Henrik Stahlberg bitterböse Low-Budget-Gesellschaftssatiren, die so rabenschwarz sind, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn Stahlbergs Filme gehören gleichermaßen zum Lustigsten und zum Verstörendsten, was in diesem Land seit Jahrzehnten hervorgebracht wurde. 13 Jahre nach seinem Überraschungserfolg Muxmäuschenstill ist ihm jetzt ein neuer Geniestreich geglückt. Ein neuer Elefant im Porzellanladen des deutschen Films. Polarisiert hat der Film schon vor seinem Kinostart. Gedreht wurde er ausschließlich mit Crowdfunding-Geldern, keine einzige Filmförderungsanstalt, kein einziger Fernsehsender beteiligte sich an seiner Produktion – ein absolutes Unikum in der deutschen Filmlandschaft. In Frankfurt und München durften Werbeplakate für den Film nicht an öffentlichen Bus- und Bahnhaltestellen platziert werden, was die „Bild“-Zeitung genüsslich gegen den Film ausschlachtete. Für die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main war das Plakat „nicht nur anzüglich, sondern auch sexistisch und frauenfeindlich“.
Sexistisch und frauenfeindlich ist hier in der Tat einiges, aber es ist nicht der Film, der sexistisch ist, sondern die Gesellschaft, in deren offenen Wunden der Film genüsslich bohrt. Im selben Sinne wie Anti-Kriegsfilme immer auch Kriegsfilme sind, weil sie Kriegshandlungen zeigen oder thematisieren, ist Fikkefuchs ein anti-sexistischer Film, der aber von seiner ersten bis zur letzten Minute von sexistischen Kriegsschauplätzen berichtet. Für konservativere Kritiker, die davor die Augen verschließen möchten, ist es daher eine leichte Übung, den Film als sexistisch zu diskreditieren, denn Fikkefuchs zeigt uns eine Gesellschaft, die vollständig durchsexualisiert ist, in der Pornografie allgegenwärtig ist und Frauen nur Beute und Trophäen in einem kapitalistisch-sexistischen Kontext sein können.

Richard Ockel (Jan Henrik Stahlberg), genannt Rocky, war früher – nach eigener Aussage – der »größte Stecher von Wuppertal«, doch mittlerweile, Anfang 50 und mit Halbglatze, ist sein Körper ebenso schlecht gealtert wie sein Frauenbild. Nur noch ein Schatten seiner Selbst, der den großen Zeiten der freien Liebe nachtrauert und sich in Selbstverleugnung übt. Da taucht plötzlich sein Sohn Thorben (Franz Rogowski) in seinem Leben auf. Ein Sohn, von dem er bisher nichts wusste, und der unter akutem Triebstau leidet. Dass Thorben wegen einer versuchten Vergewaltigung in der Psychiatrie gelandet war und nur unter der Bedingung eines familiären Umfeldes entlassen wurde, wird Rocky erst später erfahren. Jetzt will der größte Angeber von Wuppertal seinem Sohn erstmal zeigen, »wie man eine Frau klarmacht« und so brechen die beiden Außenseiter zu einer Odyssee durch die tiefsten Abgründe sexistischer Wirklichkeiten auf.
Getragen wird der Film dabei vor allem durch die schauspielerische Leistung des Vater-Sohn Paares Stahlberg / Rogowski, die sich für keine seelische wie körperliche Hässlichkeit zu schade sind. Figuren, von denen man insgeheim weiß, dass sie dieses Land in Millionenstärke bevölkern, denen man aber um nichts in der Welt auf der Straße begegnen möchte.
Das Schlimme an Fikkefuchs ist, dass man sofort glaubt, dass alles, was uns dieser Film zeigt, tagtäglich und tausendfach in diesem Land passiert –  auch wenn wir es lieber nicht sehen wollen. Aber wegschauen gilt nicht.

Richard Hehn