Scherbenhaufen ’68?

Psychiatrie und Individualismus

Was bleibt vom Geist der 68er-Revolte auch 50 Jahre danach noch zu spüren? Oder hat sich unsere Sicht auf die Welt in diesen Jahren völlig verändert? Darum soll es auch im zweiten Teil dieser Reihe gehen. Auch dieses Mal will ich wieder zwei Filme gegenüberstellen und vergleichen. Beide Filme sind 2017 in Deutschland entstanden und könnten kaum unterschiedlicher sein.

»Macht kaputt, was euch kaputt macht« lautete eine der bekanntesten Parolen der deutschen 68er Bewegung, und diese könnte auch gut zum SPK passen. Das „sozialistische Patientenkollektiv“ trat 1970 in Heidelberg an, die Sichtweisen und Methoden der Psychiatrie grundsätzlich in Frage zu stellen. Im SPK war man der Überzeugung, dass weniger das Individuum krank sei, welches sich nicht in die Gesellschaft einfügen kann, sondern es vielmehr die Gesellschaft sei, welche selber krank sei. Zur Gesundung des Individuums wäre es daher erst einmal nötig, die Gesellschaft zu verändern, sie aus dem kranken Zustand des Kapitalismus in eine solidarische Gesellschaft zu verändern, in welcher dann auch von den Normen abweichende Individuen nicht mehr automatisch als krank stigmatisiert würden. Eine Einstellung, die in wesentlichen Punkten als paradigmatisch für die gesamte 68er-Bewegung verstanden werden kann – ja vielleicht sogar als eines ihrer wesentlichen Vermächtnisse. Die Emanzipation früher meist als krank ausgegrenzter Personenkreise, Homosexuelle oder Transgender-Menschen beispielsweise, ist eine der großen Errungenschaften der 70er-Jahre, die bis heute noch ihre Wirkung entfaltet. Eine der wesentlichen Protagonisten des Films von Gerd Kroske, Carmen Roll, beschreibt in SPK Komplex eindrücklich ihren Weg von Heidelberg nach Triest zu Franco Basaglia, wo sie nach ihrer Haftentlassung als Pflegerin in der von ihm geleiteten Psychiatrischen Klinik arbeitete und auch deren Auflösung miterlebte. Auf Basaglias Initiative hin wurden 1978 die psychiatrischen Anstalten in Italien, in denen bis dahin oft gefängnisartige Zustände geherrscht hatten, per Gesetz aufgelöst.

Krank ist sicher auch die Gesellschaft, die in Fikkefuchs so schonungslos vorgeführt wird. Und bezeichnenderweise ist eine der beiden Hauptfiguren, der junge Thorben, gerade erst aus der Psychiatrie entlassen worden, als die Filmhandlung einsetzt. Und auch sein Vater Rocky weist erhebliche soziale und psychische Defekte auf. Doch würde einer der beiden auch nur ansatzweise auf die Idee kommen, dass sie in ihrer sozialen Disfunktionalität auch – oder vielleicht sogar vor allem – Produkte einer kranken Gesellschaft sind? Kaum denkbar. Im Einklang mit dem herrschenden Zeitgeist verorten beide ihre Probleme ausschließlich in sich selbst und landen so am Ende in einem Coaching-Seminar von äußerst zweifelhafter Qualität. 2017 scheinen Personality-Coaches und Motivationsseminare der bessere Weg zu einem erfüllten Leben in der »besten aller möglichen Welten« (Voltaire), als der Drang, sich gemeinschaftlich zu solidarisieren, um die alles andere als perfekte Welt zu verändern. Der Gegensatz, der in diesen beiden Filmen offenbar wird, könnte kaum größer sein.

Während es der 68er-Generation gelang, den Begriff des „Freaks“ positiv zu besetzen, sind die beiden Außenseiter in Fikkefuchs wieder Freaks im ursprünglichen Sinne – Missgestaltete. In ihrer äußeren Verwahrlosung spiegelt sich auch ihre innere Deformation. Etwas Positives in diesen beiden Charakteren zu entdecken, scheint schlechterdings unmöglich. Dass der Weg zum Erfolg in ihrer Mainstream-Gesellschaft nur über die perfekte Selbstoptimierung zu erreichen ist – von der Zahnstellung über die richtige, also anerkannte Kleidung, bis hin zur auf Stromlinienform getrimmten inneren Einstellung, hat Thorben bereits verinnerlicht, sein Vater wird es im Verlauf des Films auf bittere Weise lernen. Thorbens sexistische Tourette-Ausfälle, in denen sich seine Wut auf eine Welt Bahn bricht, die ihm zu verwehren scheint, was er als sein ureigenstes Recht ansieht, sind nicht im geringsten dazu geeignet, diese in irgendeiner Form zu verändern. Im Gegenteil, sie richten sich vor allem gegen ihn selbst und kompensieren das eigene Unvermögen, so zu werden wie alle anderen. Im SPK, 50 Jahre zuvor, wollte niemand sein wie „alle anderen“. Dessen Mitglieder wollten die Welt verändern, um in ihrem Anderssein anerkannt zu werden.

Richard Hehn