Deutschland 2019

 

Regie und Buch: Christoph Röhl

Bildgestaltung: Juan Sarmiento G., Julia Weingarten

Musik: Ali N. Askin

Montage: Martin Reimers

Mitwirkende: Georg Gänswein, Klaus Mertes, Tony Flannery, Wolfgang Beinert, Hermann Häring

Produktion: Flare Film, EIE Film


91 Minuten

 

FSK: ab 0

Deutsche Originalfassung



Villingen
Sonntag, 19. Januar 2020
18:00 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
Verteidiger des Glaubens

Den Dokumentarfilm Verteidiger des Glaubens haben wir als Sonderveranstaltung zusätzlich ins Programm aufgenommen, in derselben Woche wie Grace à Dieu -Gelobt sei Gott. Denn beide Filme gehören thematisch zueinander. Während Grace à Dieu -Gelobt sei Gott in Form eines Spielfilms die Missbrauchsfälle in der Erzdiözese Lyon um den französischen Pater Bernard Preynat und den Kampf der Opfer um Anerkennung und Strafverfolgung zum Inhalt hat, liefert Verteidiger des Glaubens als investigativer Dokumentarfilm Hintergründe zum Umgang der katholischen Kirche damit. Der Film beleuchtet die Persönlichkeits- und Machtstrukturen im Vatikan und der nachgeordneten Kirchenhierarchie zur Amtszeit des deutschen Theologen Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI.

 

»Ich habe mir Fotografien und Archivaufnahmen von Joseph Ratzinger

angeschaut und instinktiv eine Möglichkeit gesehen, über seine Person hinaus

eine weit größere Geschichte zu erzählen«, schreibt Regisseur Christoph Röhl in einem Aufsatz in der Herder-Zeitschrift „Stimmen der Zeit“. »Es gab etwas Paradigmatisches an ihm. Etwas Exemplarisches. Wie unter einem Brennglas sah ich in dem Menschen Ratzinger das Potential, über sein Privatleben und seinen Lebenswandel hinaus eine

universelle Aussage über die institutionelle Kirche treffen zu können: über ihre

Kultur, ihre Art zu denken, über ihre Motivationsgründe und ihre Art zu handeln.«

 

Mit historischen Fotos, Film- und Fernsehmaterial, zum Teil aus den Archiven des Vatikans, sowie zahlreichen Interviews mit Vertrauten wie auch Kritikern zeichnet Röhl den Lebensweg von Joseph Ratzinger nach, der 1927 in Oberbayern in eine geordnete katholische Welt geboren wurde. Seine Mitwirkung beim Zweiten Vatikanischen Konzil, die Professur in Tübingen, die kurze Zeit als Erzbischof von München und Freising, dann der Wechsel nach Rom als Präfekt der Glaubenskongregation, schließlich die Wahl zum Papst – Röhl schildert dies als Stationen eines inneren Wandels vom einst fortschrittlichen Theologieprofessor zum Oberhaupt einer autoritär geführten, hierarchisch strukturierten, konform-orthodoxen, alle Abweichler maßregelnden Kirche. Strukturen, die notwendig seien, um ein „Bollwerk“ gegen „das Böse“ außerhalb der Kirchenmauern zu bilden, die Heiligkeit und den guten Ruf der Institution zu verteidigen. Wobei „das Böse“ eben nicht nur außerhalb zu finden ist, sondern mit sexueller Gewalt, Korruption und Finanzskandalen auch in den eigenen Reihen. Joseph Ratzinger am Ende also ein tragisch gescheiterter Held.

 

Innerhalb der Institution Kirche hat der Film, wie zu erwarten, ein unterschiedliches Echo gefunden. Die Katholische Bischofskonferenz veröffentlichte zum Kinostart eine Erklärung, in der es heißt: »Der Film zeichnet insgesamt ein stark verzerrtes Bild von Kardinal Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Tenor ist: Es ging ihm immer nur um die Reinheit der Kirche und des Priestertums, nie um die Opfer. Das ist eine eigenwillige und fehlerhafte Interpretation. Die Theologie Joseph Ratzingers ist nicht charakterisiert durch einseitige Realitäts-Fremdheit und die Konzentration auf ein weltfremd Schönes. Kenner seiner Theologie sehen hier eine Verkürzung, die dem anerkannten Theologen nicht gerecht wird.«

 

Im (katholischen) „Filmdienst“ urteilte Chefredakteur Josef Lederle hingegen, Verteidiger des Glaubens zeichne »durchaus mit Respekt und filmischer Empathie die Biografie und zentrale Wesenszüge von Joseph Ratzinger nach«, und sei »nicht auf politische Agitation oder polemische Kirchenkritik aus. Die Bilderbuchkarriere und das theologische Denken Ratzingers dienen eher einer exemplarischen Analyse, warum ein anfänglich als fortschrittlich geltender Theologieprofessor sich in einen erzkonservativen Zensor verwandelt, der sich als „Augustinist“ primär Prinzipien verpflichtet fühlt, für die An- und Widersprüche der unmittelbaren Gegenwart aber kaum ein Gespür hat.«

 

Ein Film also, der polarisiert und in jedem Fall sehenswert ist.

Klaus Peter Karger