Deutschland 2018

Regie: Frauke Lodders
Drehbuch: Frauke Lodders
Bildgestaltung: Timo Schwarz, Fabian Schmalenbach
Musik: André Feldhaus
Montage: Kirsten Ottersdorf
Produktion: Kinescope Film GmbH/Frauke Lodders Film

91 Minuten

Preise:
35. Dokumentarfilm- und Videofest
Kassel 2018: „Goldener Herkules“
FSK: ab 0

Deutsche Originalfassung



Villingen
Sonntag, 20. Januar 2019
17:00 Uhr
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Donaueschingen
keine Vorstellung
UnzertrennlichUnzertrennlichUnzertrennlich
Unzertrennlich

»Schattenkind ist irgendwie schon ein passender Begriff, weil man im Schatten von einem Kind aufwächst, das jetzt auch nicht besser ist als du, sondern einfach mehrHilfe braucht«, überlegt der 14-jährige Gustaf zu Beginn des Films Unzertrennlich. Er ist eines von schätzungsweise vier Millionen Kindern in Deutschland, die „mit behinderten und lebensverkürzt erkrankten Geschwistern“ zusammenleben, wie es etwas sperrig im Untertitel des Films heißt.

Die Regisseurin Frauke Lodders hat für ihren Dokumentarfilm mit vier Familien gedreht, in denen schwerkranke oder behinderte Kinder und Jugendliche leben oder lebten: Da ist Alma, die gehörlos ist und Mukoviszidose hat, Tore, der in der Pubertät an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist, Selin, die mit Trisomie 18 geboren wurde und Judith, die bereits gestorben ist, aber im Leben ihres Bruders Max weiterhin einen festen Platz hat.

Die Kamera begleitet die Familien in ihrem Alltag, bei Festen, beim Sport, im Urlaub,  beim Auszug der Tochter aus dem Elternhaus und im Kinderhospiz. In Interviewsequenzen und aus dem Off erzählen sie, wie sich das Leben der Eltern verändert hat und wie die Geschwister früher als ihre Altersgenossen mit Verantwortung, Verzicht und Verlust konfrontiert wurden.

Almas Mutter Sibylle beschreibt, wie sie, nachdem bei ihrer Tochter das Edwards-Syndrom diagnostiziert wurde, bald nicht mehr arbeiten konnte, weil sie 24 Stunden am Tag damit befasst war, »dieses Kind zu behutzeln.« Wie der ältere Bruder Gustaf zu stottern anfing und in der Schule versagte. Wie ihr bei der Logopädin klar wurde, dass noch wichtiger als der Besuch bei der Therapeutin für Gustaf die Zeit war, die die Mutter dort mit ihm verbrachte. Heute hat sich Gustaf daran gewöhnt, Elternfunktionen zu übernehmen, wenn die Mutter arbeiten geht. Denn die Eltern haben sich getrennt. Wo hingegen Özlem, die Mutter von Selin, sagt »wir sind enger geworden, mein Mann und ich. Und die Familie hat uns nie allein gelassen. « Selins Bruder Eray findet, so erscheint es im Film, keine ruhige Minute. Ständig fordert Selin seine Aufmerksamkeit ein. »Er ist sehr ruhig, er nimmt das Problem mit in sich«, sagt Özlem. Später wird sie erzählen, wie ihr Sohn sie einmal wüst beschimpft hat, weil er sich wieder vernachlässigt fühlte.

Die 18-jährige Svea sagt ganz klar: »Man darf sich in der Krankheit auch nicht verlieren. Man muss bei sich bleiben, man hat ja immer noch das eigene Leben, mit Freunden, Hobbies, Schule. (…) Nur weil mein Bruder Krebs hat, ist er ja nicht die Prinzessen auf der Erbse. « Für sie hat der Auszug an den neuen Studienort und die damit einhergehende Distanz wieder mehr Nähe zu ihrem krebskranken Bruder ermöglicht. Sie kann sich jetzt wieder auf Tore freuen, sagt sie, wenn sie am Wochenende mal die Eltern besucht. Der 28-jährige Max, verheiratet und mit Kleinkind, hält seine verstorbene Schwester Judith hingegen ständig präsent: Im VW-Bus, mit dem seine junge Familie auf Reisen geht, hängt ihr Foto neben dem Rückspiegel, um den Hals trägt Max eine Kette mit ihrem Namen. Als er vor der Kamera schildert, wie Judith in seinen Armen gestorben ist, wischt sich seine Ehefrau eine Träne aus dem Auge und streichelt ihm die Hand.

Die Schuldgefühle der Eltern, der Glaube als Stütze, die Lebenspläne der Geschwisterkinder, die Reaktionen der Verwandtschaft und der Verlust der Freunde und auch gesellschaftspolitische Aspekte werden in dem Film angesprochen. So reflektiert Almas Mutter Sibylle über »das gesellschaftlich normative Denken«, das zur Folge hat, die Menschen nach „behindert“ und „nicht behindert“ sortiert werden. So verschieden die Familien, so unterschiedlich gehen sie mit ihrem Schicksal um.

Unzertrennlich macht einen Alltag öffentlich, der den meisten Menschen verborgen bleibt – auch wenn hier bei uns in der Region durch die Existenz der familienorientierten Reha-Kliniken Katharinenhöhe und Tannheim immer wieder mal davon zu hören ist. Beim 35. Dokumentarfilm- und Videofest 2018 in Kassel hat Unzertrennlich, den wir zum Bundesstart bei uns im guckloch-Kino zeigen, den Hauptpreis erhalten. Begründung der Jury: »Wir spüren in jeder Szene das große Vertrauen der Protagonist/innen zu Frauke Lodders und ihrem Team. Sie arbeitet niemals rührselig und ohne voyeuristischen Blick, mit unaufdringlicher Kamera, gut strukturiert und mit berührenden  Interviewpassagen.«

Die Regisseurin Frauke Lodders hat an der Kunsthochschule Kassel Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Film und Fernsehen studiert. Sie arbeitet seit 2013 als freie Regisseurin und Drehbuchautorin.

Klaus Peter Karger