Kanada 2019

Regie: Robert Eggers
Buch: Robert Eggers, Max Eggers
Bildgestaltung: Jarin Blaschke
Musik: Mark Korven
Montage: Louise Ford
Produktion: Chris Columbus, Robert Eggers
Darsteller: Robert Pattinson, Willem Dafoe

109 Minuten

FSK: ab 16

Festivals & Preise:

Academy Awards (Oscar) 2020: Nominierung für die Beste Kamera

Cannes 2019: Fipiresci-Preis

Deauville 2019: Preis der Jury

Original (Englisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 08. Juli 2020
18:00 Uhr
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
The Lighthouse
Der Leuchtturm

Robert Eggers Film The Lighthouse (es ist erst sein zweiter Film) hat nicht nur das Zeug, ein Klassiker zu werden, er sieht bereits jetzt aus wie ein Filmklassiker aus längst vergangenen Zeiten. Denn der Film wurde auf 35mm schwarz-weiß-Filmmaterial im klassischen Filmformat der Stummfilm-Ära gedreht: 1: 1,19, ein Bild, das fast quadratisch wirkt. Verwendet wurden dafür originale Kameraobjektive, die zwischen 1918 und 1938 hergestellt wurden. Passend, denn The Lighthouse spielt im Jahre 1895 – dem Jahr in dem der Film erfunden wurde.

 

Doch das sind nur die technischen Aspekte, auch die gesamte Inszenierung wirkt hier altmeisterlich. Oder, wie es ein britischer Kritiker nach der Premiere in Cannes ausdrückte: »Wenn man The Lighthouse sieht, kann man sich vorstellen, was passiert wäre, wenn Orson Welles Moby Dick verfilmt hätte.« The Lighthouse ist zwar nicht Moby Dick, aber ein guter Teil der Filmdialoge stammt tatsächlich von Hermann Melville. Für das Drehbuch über zwei Leuchtturmwärter, die auf einer sturmumtosten Insel langsam dem Wahnsinn verfallen, haben sich Robert Eggers und sein Bruder und Co-Autor Max Eggers reichlich bei Melvilles Texten bedient. Daneben flossen aber auch Tagebuchaufzeichnungen von tatsächlichen Leuchtturmwärtern aus dem 19. Jahrhundert ein.

Robert Pattinson und Willem Dafoe spielen die beiden Leuchtturmwärter und bestreiten den Film komplett alleine. Ein maritimes Kammerspiel. Selten hat man Darsteller gesehen, die sich für einen Film derart verausgaben. Eine Anekdote berichtet, die beiden Darsteller, die sich zu Beginn der Dreharbeiten auf einer Insel vor der kanadischen Atlantikküste erstmals begegneten, wären durch den täglichen Dreh bei Minusgraden, Regenwetter und orkanartigen Stürmen regelmäßig derart erschöpft gewesen, dass sie sich erst Monate später bei einer Wiederbegegnung wirklich kennen lernten und feststellten, »dass sie beide eigentlich recht nette Menschen seien«. Während Pattinson mit der übrigen Crew das Hotel bevorzugte, lebte Dafoe alleine in einer ehemaligen Fischerhütte am Drehort.

Reichlich Seemannsgarn wird hier gesponnen: Von den Flüchen toter Seeleute über die magischen Kräfte von Möwen bis hin zu den tödlichen Verlockungen von Meerjungfrauen, die den einsamen Männern mitten im Ozean die Sinne und den Verstand rauben können. Höchst erschröckliche Geschichten, die hier nachts im Schein der Karbidlampe erzählt und nacherlebt werden. Derart erschröcklich, dass der Film auch schon als veritabler Horrorfilm bezeichnet wurde. »Find some chirk in ye lad. Now’s the time for dab and chatter«, so fordert der alte Seebär seinen jungen Kollegen auf – und dann beginnen die Geschichten.

Ja, auch die Sprache in diesem Film kommt geradewegs aus dem 19. Jahrhundert. Worte, die schon längst nicht mehr existieren, Dialekte, die wohl heute kaum noch jemand spricht, werden hier in den Dialogen wieder lebendig. Allein schon diese Texte zu hören und dabei zu entdecken, über welchen Reichtum die englische Sprache damals offensichtlich noch verfügte, ist eine pure Freude. Und wenn diese Texte dann von Willem Dafoe mit seiner jahrzehntelangen Theatererfahrung dargebracht und zum Leben erweckt werden, könnte man ihm endlos zuhören. Wobei, das muss man sagen, der wesentlich jüngere Robert Pattinson da durchaus mithalten kann. Bräuchte man noch einen weiteren Beweis, dass Synchronfassungen ein Frevel an der Filmkultur sind, The Lighthouse liefert ihn.

Hermann Melville, H.P. Lovecraft und Orson Welles haben hier einem jungen kanadischen Filmemacher ganz offensichtlich über die Schulter geschaut. Er hat es zugelassen. Gothic Horror bis ins Mark. Seemannsgarn. Gut gemacht.

Richard Hehn