USA 2017

Regie & Buch Lauren Greenfield
Musik Jeff Beal
Bildgestaltung Robert Chappell, Lauren Greenfield, Shana Hagan, Jerry Risius, Lars Skree
Montage Victor Livingston, Dan Marks, Aaron Wickenden, Michelle Witten
Produktion Wallis Annenberg (Evergreen Pictures)
Mitwirkende Lauren Greenfield, Bret Easton Ellis, Florian Homm, Kylie Jenner, Kacey Jordan, Jaqueline Siegel

105 Minuten

FSK: ab 16

Original (Englisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 26. Juni 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
Montag, 24. Juni 2019
20:00 Uhr
Generation WealthGeneration WealthGeneration Wealth
Generation Wealth

Bereits seit mehr als 25 Jahren beobachtet die Amerikanerin Lauren Greenfield mit Film- und Fotokamera Menschen mit extremen Obsessionen. Und immer wieder beschäftigte sie sich mit einem Thema: die Obsessionen und Gefühlswelten der extremst Reichen. Ein Thema, welches sich nun auch wieder in unterschiedlichsten Aspekten und Facetten in ihrem jüngsten Dokumentarfilm niederschlägt.

1997 fotografierte sie für ein amerikanisches Magazin eine Reportage über die Jeunesse dorée in ihrer Heimatstadt Los Angeles. Jugendliche, die als Kinder von Popstars und anderen Prominenten bereits über scheinbar unerschöpfliche Mittel verfügen, um sie für Partys und Luxusgüter zu verbrauchen. Jugendliche, die von klein auf in einer Welt aufgewachsen sind, in der Geld niemals eine Rolle spielte und das Teuerste immer gerade gut genug war. Hier beginnt sie eine Reise, in der sie die damaligen Subjekte ihrer Fotos 20 Jahre später noch einmal besucht. Eine Reise, die sie ins finsterste Herz des globalen Kapitalismus führen wird. Eine Reise, auf der sie Menschen trifft wie Jackie Siegel, die mit ihrem Mann plante, die größte Privatvilla Amerikas zu bauen (200 Zimmer und 10 Küchen) oder Florian Homm, der als Investmentbanker Millionen verdiente und heute vom FBI wegen Anlagebetrug gesucht wird. Gattinnen von chinesischen Oligarchen, die 30.000-Euro Kurse besuchen, in denen sie üben, Luxusmarken wie „Louis Vuiton“ korrekt auszusprechen. Aber auch Kacey Jordan, eine Pornodarstellerin, die von einem Hollywood-Star ein fünfstelliges Trinkgeld bekam und wenige Monate später ihren Selbstmordversuch filmte und ins Netz streamte.

Vor allem aber wird es für Greenfield auch eine Reise zu sich selbst. Denn Generation Wealth ist auch ein überaus selbstreferentieller Dokumentarfilm und als sie ihren (und unseren Blick) weitet, gerät die Filmemacherin immer stärker in den Focus ihres eigenen Films. Sie beginnt, Fragen nach ihren eigenen Obsessionen zu stellen, ihrem Drang, alles immer perfekter, immer gründlicher zu dokumentieren und zu archivieren. Und sie beginnt sich zu fragen, was sich in ihr verändert hat, die sie sich seit Jahrzehnten in dieser Welt der Superreichen und Superschönen bewegt. Immer dabei zu sein, aber niemals Teil davon zu sein. Nicht erst als ihr Sohn ihr in ihre Kamera sagt, das er die Kardashians besser kenne als die eigenen Nachbarn, beginnt sie Fragen über ihr eigenes Verhältnis zu den von ihr beobachteten Menschen zu stellen.

Im Laufe des Films stellt Greenfield, die ursprünglich visuelle Anthropologie studierte, fest, dass es keine Antworten auf ihre Fragen geben kann, dass jede Frage nur den Blick auf weitere Fragen öffnet. Aber genau dies ist es, was Generation Wealth zu einem so ungewöhnlichen Dokumentarfilm macht, der manchmal seine Zuschauer verwirrt und seine Kritiker bisweilen ratlos zurückließ. Und nicht nur das, Generation Wealth verweigert seinen Zuschauern auch die vielleicht erhoffte Schadenfreude auf die Leiden der Reichen. Generation Wealth ist kein „Erklärfilm“, wie es heute leider viele Dokumentarfilme sind. Filme, die uns anhand ihres Themas die Welt erklären und unser Gefallen finden, wenn sie unsere insgeheimen Vorurteile und Klischees bestätigen. Uns mit dem wohligen Gefühl aus dem Kinosaal entlassen, jetzt „verstanden zu haben, um was es geht“.
Generation Wealth ist kein Erklärfilm. Er ist ein Dokumentarfilm im besten Sinne des Wortes, denn er dokumentiert. Die Denkarbeit müssen wir anschließend selbst übernehmen.

Richard Hehn