Deutschland/Schweiz 2019

Regie & Buch: Sebastian Heinzel
Bildgestaltung: Adrian Stähli
Animation: Igor Shin Moromisato
Musik: Cassis Birgit Staudt
Montage: Sascha Seidel
Produzenten: Sebastian Heinzel, Susanne Guggenberger, Vadim Jendreyko
Mitwirkende: Sebastian und Klaus Heinzel, Isabelle Mansuy, Peter Levine, Valentina Dimitreyewna

83 Minuten
FSK: ab 6

Deutsche Originalfassung



Villingen
Mittwoch, 18. März 2020
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
Der Krieg in mirDer Krieg in mirDer Krieg in mir
Der Krieg in mir

Langsam gleitet die Kamera in Vogelperspektive auf ein schwäbisches Dorf zu. Eine Ansammlung von Häusern, umgeben von saftig grünen Wiesen. Idylle pur. Als die Kamera zur Ruhe kommt, erblickt der Zuschauer unten in einem Gehöft stehend den jungen Regisseur und seinen Schattenwurf. Im Off spricht der Regisseur über seine Kriegsträume, die ihn seit Jahren verfolgen würden und beunruhigen: »Wenn ich es von außen betrachte, ist mein Leben doch völlig in Ordnung.«

 

Sebastian Heinzels Großvater väterlicherseits hat im Zweiten Weltkrieg in Weißrussland gekämpft. Soviel weiß die Familie. Über andere wichtige Fragen wurde aber geschwiegen. War er als Soldat nur Opfer der Umstände oder Täter? Hat er sich an den Kriegsverbrechen der Wehrmacht beteiligt, die dort ganze Dörfer ausgelöscht hat? Fragen, die auch Sebastians Vater Klaus umtreiben.

 

Gemeinsam machen sich Vater und Sohn deshalb auf Spurensuche. Recherchieren im militärgeschichtlichen Archiv in Freiburg, reisen nach Weißrussland an die Orte, an denen der Großvater im Einsatz war, besuchen die „Stalin Line“, eine Art musealen Freizeitpark, in dem Schlachten des Zweiten Weltkriegs nachgespielt werden. Treffen Überlebende, die ihnen, bis auf eine Ausnahme, versöhnlich begegnen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bringt Vater und Sohn einander näher. Das ist die eine Ebene des Films.

 

Auf der anderen Ebene geht es um die Frage, inwieweit traumatische Ereignisse, wie sie der Großvater erlebt haben mag, sich in die Gene des Menschen einbrennen, an nachfolgende Generationen vererbt werden können und deren Verhalten beeinflussen. Studien mit Mäusen am Epigenetischen Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich geben Hinweise darauf, werden aber innerhalb der Wissenschaft kontrovers diskutiert.

 

In Zürich trifft Heinzel auch den US-amerikanischen Biophysiker und Traumatherapeuten Peter Levine und seine Mitarbeiterin, die die Auswirkungen kollektiver Traumata erforschen. Er sagt: »Trauma ist eine Tatsache des Lebens. Es muss kein lebenslanges Verhängnis sein.« Positive Lebensbedingungen können einen Heilungsprozess bewirken.

 

Manche Zusammenhänge in diesem Film, etwa die vom Regisseur aufgeworfene Vermutung, ob die eigene Risikofreudigkeit etwas mit den Kriegserlebnissen des Großvaters zu tun haben könnte, erscheinen mir ein bisschen weit hergeholt. Auch können nicht alle Fragen, etwa zur Schuld des Großvaters im Krieg, abschließend beantwortet werden. Aber der Film gibt ein Beispiel für die oftmals versäumte Aufarbeitung der Familiengeschichte im Nationalsozialismus, und die neuroepigenetischen Fragen sind an sich relevant und treiben die Wissenschaft um, nicht nur in Zürich. In den Niederlanden, erzählte Heinzel bei „Dokville“, werden Studien mit Heimkehrern aus dem Afghanistankrieg gemacht.

Klaus Peter Karger