Deutschland 2017

Regie: Frieder Schlaich
Buch: Claudia Schaefer
Musik: Martin Todsharow
Bildgestaltung: Micaela Cajahuaringa
Montage: Janina Herhoffer
Produktion: Frieder Schlaich, Irene von Alberti (Filmgalerie 451)
Darsteller: Scarlett Jaimes, Liliana Trujillo, Citlali Huezo, Miguel Valenzuela, Daniel Hinojo, Michael Rothbart

106 Minuten

FSK: ab 12

 

Deutsche Originalfassung



Villingen
Mittwoch, 27. März 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
Montag, 25. März 2019
20:00 Uhr
Naomis ReiseNaomis ReiseNaomis Reise
Naomis Reise

Als ein Gerichtsdrama aus Deutschland handelt Naomis Reise von einem tatsächlichen Fall. Ein sogenanntes „Tötungsdelikt“, welches an einem Berliner Gericht verhandelt wurde. Ein Deutscher hat seine peruanische Ehefrau nach Jahren voller Misshandlungen und Vergewaltigungen, als sie endlich den Mut aufbrachte, sich von ihm zu trennen, brutal ermordet.

Zum Prozess kommt ihre jüngere Schwester, die 19-jährige Naomi zum ersten Mal nach Deutschland. Nicht ganz freiwillig, denn sie hatte sich geschworen, jenes Land, in dem ihre Schwester ermordet wurde, niemals zu betreten. Doch ihre Mutter hatte ihr keine Wahl gelassen, und so sitzen die beiden Frauen nun als Nebenklägerinnen in einem deutschen Gerichtsaal. Hier macht Naomi ihre ersten Erfahrungen mit einem Land, dessen Sprache und Gebräuche sie nicht kennt. Die kalte Emotionslosigkeit mit der die schaurigen Details des Verbrechens hier verhandelt werden, ist nicht nur für Naomi kaum zu ertragen.

In der vermeintlich neutralen Tatsachenfeststellung des Gerichts, in der die ermordete Frau nur als „die Geschädigte“ bezeichnet wird, wird die unheilvolle Mischung aus Rassismus und Sexismus, welche die Tat erst möglich machten, zwar überaus deutlich, doch bleibt sie mit deutscher Gründlichkeit immer sauber zwischen Aktendeckeln eingehegt. Wenn der Täter und seine als Zeugen geladenen Kumpane von ihren Abenteuern als Sextouristen prahlen und den Reiz „exotischer Frauen“ preisen, geschieht dies mit einer ebensolchen Selbstverständlichkeit, wie wenn der Ehemann, der glaubte, der gekauften Frau ein besseres Leben zu schenken, sich über ihre Verwandten beschwert, die wie Termiten über ihn hergefallen wären. »Er hält uns also für Tiere?« fragt Naomi sicherheitshalber noch einmal beim Übersetzer nach. Mit dem Kunstgriff des Simultandolmetschers, der Naomi den Prozessverlauf ins Spanische übersetzt, gelingt es Regisseur Frieder Schlaich, die Monströsitäten, die hier zur Sprache kommen, gleichermaßen auch für den deutschen Zuschauer, für den manche dieser Sexismen und Rassismen gar nicht mehr auffallen würden, zu übersetzen und deutlich zu machen wie weit sie sich schon in unseren Alltag eingeschlichen haben.

Naomi, aus deren Perspektive der Film fast vollständig erzählt ist, blickt im Gerichtssaal auf ein seltsames Ritual, in dem für Emotionen kein Platz zu sein scheint. Alles was sie sich von diesem Prozess an Aufklärung oder Trauerarbeit hätte erhoffen können, bleibt ihr ebenso wie dem Zuschauer verwehrt. Dafür hat Schlaich auf doppelte Weise gesorgt: Die gefühlsschwangeren, dramatischen Plädoyers voller Pathos, die man aus amerikanischen Gerichtsfilmen kennt, wird man an deutschen Gerichten sowieso nicht finden. Aber Schlaich hat hier auch das gesamte Justizpersonal mit Laiendarstellern besetzt, sie sind allesamt wirkliche Richter, Staatsanwälte und Strafverteidiger. Allein schon dadurch ist ihnen das mitunter peinliche Gefuchtel der Schauspieler aus den einstmals populären TV-Gerichtsshows im deutschen Fernsehen völlig fremd. Sie agieren mit der gestischen Sparsamkeit, die sie aus ihren Berufen gewöhnt sind. Aber ebenso wie wohl auch Naomi erwarten wir als Zuschauer dieses Films genau das Gegenteil: eine Abrechnung, eine Aufarbeitung, eine emotionale Katharsis. All das wird nicht passieren. Am Ende bleibt ein Urteil, das für alle Beteiligten unbefriedigend erscheint. Der Justiz ist Genüge getan.

So wird aus Naomis Reise ein überaus verstörender Film, dem aber genau das gelingt, wozu das Gericht nicht fähig ist: die strukturellen Probleme einer durch männliche Normalität geprägten Gesellschaft offenzulegen. Eine Gratwanderung und ein diskursives Meisterstück.

Richard Hehn