Schweiz 2018

Regie: Christian Frei und Maxim Arbugaev
Drehbuch: Christian Frei
Bildgestaltung: Peter Indergand und Maxim Arbugaev
Musik: Max Richter, Edward Artemyev Montage Christian Frei, Thomas Bachmann
Produktion: Christian Frei Filmproduktion, SRF, ZDF/Arte
Mitwirkende: Peter und Semyon Grigoriev, George Church, Woo Suk Hwang

114 Minuten
FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung

Festivals & Preise:
Sundance Festival 2018: Spezialpreis für Bildgestaltung
Moscow International Filmfestival 2018: Publikumspreis
Seoul Eco Film Festival: Best Feature Film

Original (Deutsch, Englisch, Russisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 20. März 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
Genesis 2.0

Der Dokumentarfilm beginnt mit faszinierenden Bildern, für die Kameramann Maxim Arbugaev einen Spezialpreis beim „Sundance Film Festival“ erhalten hat, einem bedeutenden Festival für den unabhängigen internationalen Film. Unter trübem Himmel tuckern Schlauchboote durch die arktische See in Richtung der Neusibirischen Inseln. An Bord jakutische Jäger, die auf einer dieser Inseln nach den Stoßzähnen ausgestorbener Wollhaarmammuts suchen werden. Bis vor etwa 12 000 Jahren haben sie hier geweidet; ihre Kadaver sind im Permafrost konserviert wie in einer Tiefkühltruhe. Nur im Sommer und begünstigt durch den Klimawandel, taut die Erdoberfläche leicht auf, sodass die Jäger mit Lanzen im Boden stochern können. Sie praktizieren den Schamanismus und ihre Naturreligion verbietet eigentlich das Ausgraben der Mammuts. An den Grabungsstellen wird deshalb ein Ritual vollzogen, um die Geister zu besänftigten. Aber chinesische Ankäufer zahlen gut für die Stoßzähne, die dann auf dem internationalen Markt, unter anderem als Elfenbeinschnitzerei, ein Vielfaches an Gewinn einbringen. Goldrausch in Neusibirien.

Bei einem Kongress in Boston präsentieren derweil junge Wissenschaftler aktuelle Forschungsvorhaben in der Synthetischen Biologie, während bei „Sooam Biotech“ in Südkorea bereits fabrikmäßig Hunde geklont werden. 100 000 Dollar zahlen die Kunden für zwei Welpen aus dem Zellmaterial ihrer verstorbenen Lieblinge; in mehr als 900 Fällen haben die Biotechniker um den umstrittenen koreanischen Wissenschaftler Woo Suk Hwang das Verfahren bereits praktiziert. Ein Stück weiter, im chinesischen Shenzhen, baut der Staat eine nationale Gen-Datenbank auf, deren Ziel es ist, die Genome sämtlicher Lebewesen der Erde zu lesen, zu archivieren und auch den Code des Lebens selbst schreiben zu lernen. Schon heute verdient die Genbank viel Geld mit Pränataldiagnostik. »Kinder mit Fehlbildungen wird es künftig nicht mehr geben«, ist sich eine der Mitarbeiterinnen sicher. »Gottes Wort ist noch unperfekt«, sagt der Leiter der Datenbank, »wenn wir zusammenarbeiten, können wir Gott perfekt machen.« Und der US-amerikanische Genforscher George Church sekundiert: »Wir übernehmen die Kontrolle über unsere eigene Evolution.«

Christian Frei verbindet diese beiden Erzählstränge – die archaische Welt der Mammutsucher und die Biotec-Labore in Fernost – über den Bruder von einem der Jäger. Der Paläontologe leitet das kleine Mammutmuseum in Jakutsk und ist besessen von der Idee, das Wollhaarmammut mit den Möglichkeiten der Synthetischen Biologie wieder auferstehen zu lassen – wenn sich bei den Ausgrabungen nur eine Zelle mit intakter DNA finden ließe.

Genesis 2.0 ist bildgewaltiges, großes Kino. »Es begegnen sich Urzeiten, das Mammut und unsere mögliche Zukunft. Das ist eine hinterhältig kluge Dramaturgie«, urteilte der Filmkritiker von SWR2. Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt von einem Dokumentarfilm, »der – obwohl Realität – an Science-Fiction erinnert, eine Konfrontation mit Ängsten und wissenschaftlicher Zukunft.« Und „Titel Thesen Temperamente“ in der ARD hob hervor, dass Christian Frei die Forschung auf diesem Gebiet nicht grundsätzlich verurteilt, aber den schmalen Grat zwischen sinnvollem und unverantwortlichen Tun beschreibt: »Ein essayistischer Film, der Raum zum Nachdenken bietet. Der kein Urteil vorschreibt, sondern es uns selbst überlässt.«

Klaus Peter Karger