Frankreich / Deutschland / Israel 2019

Regie: Nadav Lapid
Drehbuch: Nadav Lapid, Haiim Lapid
Bildgestaltung: Shaii Goldmann
Montage: Era Lapid, Francois Gédigier, Neta Braun
Produktion: Sai”d Ben Saiid, Michel Merkt
Darsteller: Tom Mercier, Louise Chevillotte, Quentin Dolmaire

123 Minuten

FSK: ab 12

Festivals & Preise:
Berlinale 2019: Goldener Bär für den Besten Filmkritik
Berlinale 2019: FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik

Original (Französisch, Hebräisch)
mit deutschen Untertiteln



Villingen
Mittwoch, 25. September 2019
20:15 Uhr
Donaueschingen
keine Vorstellung
SynonymesSynonymesSynonymes
Synonymes

Der junge Israeli Yoav ist seiner Heimat entflohen, um in Paris seine Herkunft und Vergangenheit abzuschütteln und eine neue Identität als Franzose anzunehmen. Zum Bruch gehört, dass er sich konsequent weigert, hebräisch zu sprechen. Mit Grundkenntnissen im Französischen und dem Wörterbuch in der Hand marschiert er durch die Stadt, und lernt neue Begriffe auswendig, vor allem abwertende Adjektive wie »böse, obszön, ignorant, idiotisch, schmutzig, widerlich, derb, abscheulich, niederträchtig, jämmerlich, abstoßend«, mit denen er den Staat Israel beschreibt. Den Blick hat er stets zu Boden gerichtet, weil, wie er sagt, »mit ihrer Schönheit besticht die Stadt die Fremden, um sie vom Herzen der Stadt fernzuhalten, das weder aus Schönheit noch Frauen noch aus Größe besteht, sondern aus etwas, was ich noch nicht kenne«. Die Kamera nimmt diese seine Perspektive auf.

 

Gleich in der ersten Nacht in einer leerstehenden, kalten Altbauwohnung hat man Yoav die Kleidung und alles gestohlen, was er im Rucksack bei sich hatte. Ein junges Paar, Caroline und Emile, dank der reichen Eltern mondän wohnend aber gelangweilt, nimmt sich seiner an, versorgt ihn großzügig mit Klamotten und Geld. Die beiden werden zu den wenigen Bezugspersonen, die er in Paris haben wird – und bald ist es eine Ménage-à-trois. Emile, der sich als Schriftsteller quält, weil er nichts hat, was er erzählen könnte, fühlt sich zu Yoav hingezogen – erotisch aber auch, weil er ihm mit seinen Geschichten Inspiration ist. Caroline, die am Konservatorium Oboe studiert, betrachtet den Neuling zunächst skeptisch und distanziert, zumal er in ihre Beziehung mit Emile eindringt, und verführt ihn dann aber.

 

Warum Yoav Israel hinter sich lassen will, kann man nur vermuten – es hat wohl mit seiner Vergangenheit beim Militär zu tun, mit der Ablehnung eines Staats, der, wie er an einer Stelle sagt, »mit Blut gegründet wurde«. Aber sein Ziel ist schwer oder gar nicht zu erreichen, und so ist Synonymes im Grunde ein Film über die Unmöglichkeit, in eine neue Haut zu schlüpfen. »Identität als zentraler Aspekt politischer Diskussionen, die Themen Nationalismus und Antisemitismus schwingen bei Yoavs Sehnsucht nach einem anderen Leben ständig mit«, schrieb Arno Raffeiner im „Spiegel“. »Synonymes zeigt, wie jemand gegen biografische Prägungen und Zuschreibungen von außen ankämpft und sie doch nicht so einfach los wird«.

 

Der Film ist eine Szenen-Collage, die man nicht so einfach konsumieren kann. Manches bleibt rätselhaft. Yoav erzählt zwar viele Geschichten, aber bleibt doch verschlossen und seltsam und mit einer mysteriösen Vergangenheit, über die man als Zuschauer nicht wirklich was erfährt. Man sollte auch nicht auf jede Szene dieser Collage die Gesetze der Logik anwenden. Aber gleichzeitig (oder gerade dadurch?) hat der Film etwas magisches, und er hat mich gefangen genommen.

 

Ein Kino-Erlebnis, welche Bilder er findet! Wie Yoav bei der Armee im Rhythmus eines Chansons Gewehr-Salven auf eine Menschenattrappe abfeuert (die Perversion des Krieg-Spielens). Wie Yoavs jüdischer Bekannter Yaron in der Metro anderen Fahrgästen jüdische Lieder provozierend nah direkt ins Gesicht summt, ohne irgendeine Reaktion zu erhalten (die Unsichtbarkeit des Migranten). Oder – sehr lustig! - der Integrationskurs, in dem die Kursleiterin erklärt, warum der Hahn das französische Wappentier ist – nämlich weil er mutig und stark ist und früh aufsteht. Wobei dies Caroline und Emile in ihrer gelangweilten Bürgerlichkeit von heute genau NICHT verkörpern...

 

Der Regisseur Nadav Lapid, Jahrgang 1975, hat nach dem Abitur seinen Militärdienst auf einer kleinen Militärbasis an der Grenze zu Syrien und Libanon absolviert. Er sei ein guter Soldat gewesen, schilderte er in einem Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“, bekam Auszeichnungen und habe nicht gelitten, auch wenn es eine schwere Zeit war. »Wenn mir langweilig war, und es gab oft Phasen, in denen wir nichts zu tun hatten, stellte ich mir mein eigenes Militärbegräbnis vor. Aber ich dachte mir nichts weiter dabei.« Dreieinhalb Jahre später, nach dem Militärdienst, nahm er ein Studium der Philosophie in Tel Aviv auf, und schrieb einen Roman. »Es fühlte sich normal an, weil das ganze Land so tickt. Aber irgendwann erkannte ich, dass in dem Moment, in dem man das Außergewöhnliche als Norm akzeptiert, das Monster zu wachsen beginnt. Nach etwa anderthalb Jahren hatte ich fast so etwas wie eine Erleuchtung. Ich erkannte, dass ich weg muss aus Israel, um meine Seele zu retten.«

 

So kam er nach Paris – insofern hat seine Biografie also Ähnlichkeiten mit der Yoavs im Film. Sein Leben in Paris beschrieb er als mental schwierig. »Armut, Monotonie, Marginalität. Meine Fantasien über Frankreich drifteten immer mehr ab, selbst als mein Französisch immer besser wurde (…) Mit einem Gefühl von totaler Niederlage kehrte ich Frankreich den Rücken und reiste zurück nach Israel«.

Klaus Peter Karger